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»Geheimnisvolle Vergangenheit«
von
Martin Kay
© Februar 2000 by Martin Kay & Hendrik Höfelmann
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»Traumprinzen gibt es heutzutage nicht mehr«, keifte
die alte Rutherford, schlurfte um die nächste Gangbiegung und ließ Sarah
St. James allein auf der Leiter zwischen den Bücherregalen zurück.
Eigentlich hatte sie gar nicht mit der Schwärmerei zu ihrer Liebe von
Märchenwelten anfangen wollen, schon gar nicht in Gegenwart der alten
Rutherford. Seit Sarah am Nachmittag in der Stadtbibliothek aushalf,
um ihr Geschichtsstudium finanzieren zu können, war ihr die ältere Dame
sichtlich aus dem Weg gegangen und hatte nur an ihrer Arbeit herumgenörgelt.
Für Sarah stand fest, daß die Rutherford sie nicht mochte, auch wenn
sie dafür bisher keinen Grund herausgefunden hatte. Sie hatte gehofft
ihr heute ein wenig näherkommen zu können, denn die anderen Aushilfskräfte
waren früh nach Hause gegangen, und kurz vor Feierabend erledigten nur
noch Sarah und Rutherford die Aufräumarbeiten. An den Lesetischen saßen
nur ein, zwei Leute, die zu vertieft in ihre Schmöker waren, um die
beiden Frauen in dem Regalgang zu stören. Sarah hatte Mrs. Rutherford
einfach angesprochen und sie gefragt, welche Bücher sie denn bevorzuge,
doch die alte Dame war dem Thema geschickt ausgewichen und hatte ihre
Antwort in eine Gegenfrage formuliert. Da Sarah einmal das Gespräch
angefangen hatte, wollte sie nun nicht locker lassen und begann von
ihren Vorlieben der Märchen- und Geschichtsliteratur zu erzählen. Als
sie zu der Stelle kam, daß sie Parallelen zwischen historischen Romanen
und Märchen entdeckt hätte, folgte unweigerlich Rutherfords Kommentar
mit der sie Sarah einfach stehen ließ.
»Mist«, brummte die junge Studentin und strich sich eine Strähne ihres
langen, schwarzen Haars aus dem Gesicht.
Bei der Alten stößt man auf Granit, dachte sie verbittert.
Vielleicht sollte sie die Bücherei wechseln. Von einem Kommilitonen
hatte sie erfahren, daß noch Aushilfen in der Universitätsbibliothek
gesucht wurden - allerdings war dort die Bezahlung nicht so gut wie
hier.
»Irgendwie werde ich mit ihr schon auskommen«, sagte sie halblaut vor
sich her und beschloß, der alten Dame besser aus dem Weg zu gehen.
Sarah drehte sich auf der Leiter um, nahm einen kleinen Posten Bücher
von dem Tableau auf, das an der Leiter eingehängt war und wollte sie
ins Regal zurückstellen. Sie beugte sich vornüber und vollführte für
einige Sekunden einen wahren Balanceakt, als sie ihren Körperschwerpunkt
zu weit über den Leiterbügel hinauslehnte. Sie verlor das Gleichgewicht,
ruderte hilflos mit den Armen und schaffte es irgendwie den Bücherstapel
in eine freie Stelle des Regals zu schieben. Nur ein einzelnes Buch
rutschte heraus und fiel zu Boden - und Sarah ihm hinterher.
Sie hatte sich nicht mehr an der Leiter festhalten können, rutschte
ab und stürzte kopfüber hinunter.
O nein, dachte sie verzweifelt. Sie hatte nicht einmal mehr die
Zeit zu schreien, da erreichte sie bereits den Boden und schlug mit
dem Kopf auf den kalten Kacheln auf. Sarah spürte nicht mehr, wie der
Rest ihres Körpers folgte. Augenblicklich empfing sie eine tiefe Dunkelheit
und schien ihren Verstand zu verschlingen.
*
Grelles Licht fraß sich förmlich durch ihre Lider und blendete sie.
Sie kniff die Augen stärker zusammen, doch noch immer bohrten sich tastende
Lichtfinger in ihre Augen und reizten sie zum Blinzeln. Was war nur
geschehen? Sarah St. James richtete sich mühsam auf und glaubte zu halluzinieren,
als ihre Hände in weiches Moos griffen, statt den kalten Boden der Bibliothek
zu berühren. Sie preßte noch einmal die Augen fest zusammen, schüttelte
den Kopf und öffnete dann die Lider so weit es ging. Der Schock durchfuhr
sie ohne Vorbereitung und unbarmherzig, wie die Wirklichkeit nur sein
konnte: Sie befand sich nicht mehr in der Bibliothek!
Soweit ihr Blick reichte, sah sie nur das satte Grün eines dichten Laubwaldes.
Die Sonnenstrahlen, die sie geweckt hatten, fielen vereinzelt durch
die Baumkronen, und ein frischer Wind wehte durch Sarahs Haar. Fröstelnd
wollte sie sich ihren Rollkragen höher ziehen und stellte verdutzt fest,
daß sie nicht mehr ihren Pulli trug. Sarah blickte an sich herab.
»Aber... das ist doch völlig unmöglich«, stammelte sie vor sich hin.
Statt ihrer Jeans und Slipper trug sie einen langen, altmodischen Rock,
eine mit Rüschen besetzte Bluse und Stiefel, die man vielleicht vor
zwei Jahrhunderten getragen hatte.
Ich träume, dachte sie. Welche andere logische Erklärung sollte es auch
sonst geben? Sie erinnerte sich an ihren Sturz in der Bücherei. Natürlich,
sie war mit dem Kopf aufgeschlagen und erlitt wohl so etwas wie ein
Trauma. Sie grinste. Träume waren ohnehin verworren und zeigten einem
die absurdesten Dinge. Wahrscheinlich würde sie gleich aufwachen und
wieder zu sich kommen. In diesem Moment machte sie sich ernsthaft Sorgen
um eine eventuelle Wunde. Fast automatisch fuhr sie mit der Hand hoch
und berührte die Stelle an ihrer Stirn, an der sie aufgeschlagen sein
mußte. Nichts! Weder Schmerz, noch Blut oder eine Beule. Ihr Kopf war
unversehrt.
»Aber selbstverständlich«, rief sie aus. »Ich träume...«
Sie hielt bei ihren eigenen Worten inne. Woher wußte sie, daß sie träumte?
Das war ihr bisher noch nie passiert, daß sie sich innerhalb eines Traums
der Unwirklichkeit bewußt war. Und warum spürte sie den Wind auf ihrer
Haut und roch all die frischen Düfte, die die Pflanzen des Waldes verströmten?
Sie sog die Luft tief ein und meinte, daß sie viel reiner war als jene,
die sie sonst atmete. Nicht von Schmutz und Ruß verpestet, wie die Atmosphäre
des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Sarah wußte nicht, wie ihr geschah, aber sie hielt es für das vernünftigste,
die ganze Sache weiterhin für einen Traum zu halten. Das war die einfachste
Erklärung - alles andere mußte einfach nur befremdlich und beängstigend
anmuten.
Plötzlich brandete ein Geräusch auf, das im ersten Moment nicht in die
scheinbare Idylle des Waldes zu passen schien. Im nächsten Augenblick
hörte Sarah ein Trampeln und Rascheln, dann teilten sich vor ihr die
Büsche und ein hochgewachsener Mann trat ihr entgegen. In seinen Augen
lag ein gehetzter Ausdruck, ja vielleicht sogar ein Anflug von Panik,
doch als sich ihre Blicke trafen, meinte Sarah auch Erleichterung in
ihnen zu erkennen.
»Mein Gott, da bist du ja!« keuchte der Fremde vor Anstrengung.
Sarah runzelte die Stirn. Sie musterte seine Kleidung, die genau wie
ihre nicht zeitgemäß war - aber es ist ja nur ein Traum, erinnerte sie
sich. Fast schon grob gruben sich die Hände des Fremden in ihre Schulter,
als er sie eindringlich ansah.
»Wo hast du nur gesteckt?« herrschte er sie an, aber in seiner Stimme
lag keine Wut, sondern eher Besorgnis.
»Au!« stieß Sarah hervor, als der Schmerz in ihren Schultern zunahm.
Der Fremde sah sie überrascht an und merkte dann wohl selbst, daß er
zu fest zugegriffen hatte.
»Entschuldige«, murmelte er, wurde jedoch übergangslos wieder ernst.
»Wir müssen fort von hier. Huey ist hinter uns her!«
Sarah blickte ihn nur verständnislos an. Sie verlor sich in seinen Augen,
die ihr seltsam vertraut erschienen. Doch seine scharfe Stimme schnitt
wie eine Klinge durch ihren Verstand und zerrte sie brutal aus dem unwirklichen
Meer ihrer Gefühle zurück. Ehe sie ihren Einwand vorbringen konnte,
hatte der Fremde sie bereits an die Hand genommen und zog sie hinter
sich her. Er war in seinem Entschluß, einen geeigneten Pfad zu finden
nicht wählerisch, sondern bahnte sich einen Weg durch das dichte Unterholz.
Mehr als einmal peitschten Zweige in Sarahs Gesicht und hinterließen
brennende Striemen auf ihrer Haut. Sie stolperte über knorrige Wurzeln
und rutschte im schwammigen Moos aus, doch stets war der Fremde zur
Stelle und fing sie auf, ehe sie zu Boden stürzen konnte.
»Wir haben es bald geschafft«, japste er, und als Sarah in sein Gesicht
sah, erkannte sie, wie erschöpft er in Wirklichkeit war.
Statt ihre Antwort abzuwarten, zog er sie einfach weiter und blickte
immer wieder besorgt über die Schulter zurück. Sarah selbst konnte keinen
klaren Gedanken fassen. Die Plötzlichkeit, mit der all dies geschah,
raubte ihr nicht nur den Atem, sondern auch die Fähigkeit, ihre Situation
zu analysieren. Sie war schlichtweg paralysiert und lies sich von den
Ereignissen treiben.
Von einem Moment auf den nächsten endete der Wald. Erschöpft und in
Schweiß gebadet traten sie auf eine Lichtung hinaus, die in drei Himmelsrichtungen
von Wald umgrenzt wurde. Im Norden erhoben sich statt der Bäume finstere
Bergmassive empor, deren Gipfel in eine Wand aus scheinbar undurchdringlichen
Wolken eintauchten. Der Fremde war kurz stehengeblieben und atmete schwer.
Erst in diesem Augenblick bemerkte Sarah die Erschöpfung am eigenen
Leib. Ihre Knie zitterten wie nie zuvor und versagten ihr einfach den
Dienst. Sie knickte ein und landete auf dem Boden, und diesmal war der
Fremde einfach zu schwach, um sie davor zu bewahren. Sie spürte weiches
Gras unter sich und schloß die Augen, doch da wurde sie abrupt wieder
in die Höhe gerissen.
»Du darfst nicht einschlafen«, mahnte der Fremde. »Noch nicht!«
Er streckte die Hand aus und deutete nach Norden. Auf halbem Weg zwischen
den Waldrändern und den ersten Ausläufern des Bergmassivs stand ein
Gehöft. Aus einem Schornstein drang Rauch in den Himmel, und über der
Ansiedlung kreiste ein Schwarm kleinerer Vögel.
»Bis dorthin müssen wir es noch schaffen«, erklärte der Fremde. »Dann
sind wir vor Huey in Sicherheit.«
Sarah atmete tief durch und benetzte ihre vor Anstrengung trockenen
Lippen mit der Zunge. Noch immer raste ihr Herz wie verrückt, doch sie
nahm ihren Mut zusammen und baute sich mit in die Hüften gestemmten
Händen vor ihrem Retter auf, wobei sie nicht die geringste Ahnung hatte,
wovor oder vor wem er sie gerettet hatte.
»Wer ist Huey?« fragte sie. Der Fremde legte den Kopf schief und runzelte
dabei die Stirn, als habe er ihre Frage nicht verstanden. Doch etwas
in ihrem Blick mußte ihm zeigen, wie verunsichert sie war.
»Huey Raynor«, sagte er. »Der Statthalter des Earl of Kerrigan. Du kennst
ihn doch...«
»Und wer sind Sie?« unterbrach sie ihn.
Der Fremde prallte erschrocken zurück und schüttelte langsam den Kopf,
als könne er nun wirklich nicht glauben, welche Frage sie ihm da gestellt
hatte. Statt ihr zu antworten sah er sich wieder in Richtung des Waldes
um und legte seine Rechte auf den Knauf des Degens an seiner Seite.
Erst jetzt fiel Sarah auf, daß der Mann bewaffnet war.
In was bin ich da nur hineingeraten? dachte sie. »Es ist nur ein Traum.«
Ihre Worte schienen der reine Hohn zu sein, und der Fremde ging erst
gar nicht auf sie ein. Er packte sie mit der freien Hand am Arm und
zerrte sie einfach mit sich über die weite mit Blumen übersäte Graslandschaft.
Die kurze Verschnaufpause hatte sie nicht im mindesten zu Kräften kommen
lassen. Schon nach wenigen Schritten spürte sie einen Kloß im Hals und
bekam kaum noch Luft. Heftige Stiche in ihren Seiten und der Brust trugen
ihr übriges dazu bei, daß ihre Beine sie bald nicht mehr weitertragen
wollten. Sie stolperte, doch diesmal war der Fremde da, fing sie auf
und warf sie sich über die Schulter. Sie spürte förmlich, wie er in
die Knie ging und sich gegen das zusätzliche Gewicht stemmen mußte,
um nicht mit ihr zu Boden zu stürzen. Doch offenbar war sein Wille und
die Angst vor dem Verfolger größer als die Erschöpfung. Er mobilisierte
seine Kraftreserven und lief zusammen mit Sarah auf der Schulter über
das Feld. Sarah drehte den Kopf so weit es ging und blickte nach hinten.
Sie meinte am Waldrand eine Gestalt erkennen zu können, die gerade aus
dem Unterholz trat, doch das konnte sie sich genauso gut auch einbilden,
denn schon einen Lidschlag darauf schlug sie die Augen zu und schlief
ein.
*
Etwas feuchtes berührte ihre Lippen. Es fühlte sich
warm und weich an, und dennoch war es ihr nur im ersten Moment angenehm.
Vor ihren geistigen Augen sah sie noch immer das Bild des Fremden in
altmodischer Kleidung, mit einem Degen bewaffnet. Ihre Hatz durch den
Wald; die einsame Gestalt am Rande der Lichtung...
Sarah schlug die Lider auf und blickte direkt in die blauen Augen des
Fremden, dessen Namen sie noch immer nicht kannte. Er war ihr so nah,
daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Instinktiv wußte sie, daß
es seine Lippen gewesen waren, die sie im Moment des Erwachens gespürt
hatte. Erschrocken fuhr sie auf, doch der Fremde drückte sie sanft zurück
ins ... Heu?
Sarah sah sich irritiert um. Sie lag auf einem Strohballen, und offensichtlich
befand sie sich zusammen mit dem Fremden in einer Scheune. Verschwommen
erinnerte sie sich daran, daß sie auf ein Gehöft zugelaufen waren. Aber
warum hielten sie sich in der Scheune und nicht im Haupthaus auf?
Als der Fremde ihren fragenden Blick registrierte sagte er: »Henry ist
ein guter Freund, aber er hat eine neunköpfige Großfamilie durchzufüttern.
Da ist es in seinem Haus auch nicht mit Gästezimmern weit her. Aber
wir dürfen in der Scheune bleiben, solange wir wollen.«
»Wer sind Sie?« wiederholte Sarah ihre Frage von vorhin, bevor sie ohnmächtig
geworden war. Die Müdigkeit war gänzlich von ihr abgefallen. Der Schlaf
oder die Bewußtlosigkeit hatten sie wieder zu Kräften kommen lassen.
Die Ruhe hatte ihr gut getan, und sie war bereit, sich der Herausforderung
zu stellen. Sie wußte, daß sie geträumt hatte. Konnte dann dies hier
noch immer zu einem Traum gehören? Verzweifelt versuchte sie, sich zu
erinnern, was geschehen war. Die Bibliothek! Das Buch... sie war gestürzt.
Lag sie noch immer dort in tiefer Bewußtlosigkeit und träumte von einem
anderen Leben in ferner Vergangenheit? Aber wie konnte das sein, denn
sie hatte hier geschlafen und erinnerte sich an Bruchstücke eines Traumes,
den sie definitiv in diesem Leben gehabt hatte.
»Du erkennst mich wirklich nicht, oder?« fragte der Fremde und riß sie
damit aus ihren ungeheuren Überlegungen. »Ich meine, du spielst das
nicht nur, um mich zu verärgern?«
Sarah schüttelte den Kopf.
»Alles was ich weiß...«, begann sie, hielt jedoch inne. Sie konnte ihm
unmöglich von der Bibliothek erzählen. Er würde ihr ohnehin nicht glauben.
»Mein Name ist Hendricks ... Rick Hendricks!« sagte er. »Und wir...«
Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, und in seinen Augen blitzte
etwas auf, das Sarah nicht richtig einzuordnen vermochte. Seine Stimme
erstarb.
Er beugte sich wieder zu ihr hinunter und hauchte: »Ich zeige es dir.«
Noch während sie rätselte, was er damit meinte, verschlossen seine Lippen
die ihren mit einem feurigen Kuß. Sarahs Augen weiteten sich. Ihre Hände
stießen gegen seine Schultern und versuchten ihn wegzudrücken, doch
er ließ nicht locker. Sein Kuß wurde leidenschaftlicher. Sarah glaubte
ihre Sinne schwinden zu spüren. Sie war bisher nicht mit vielen Männern
zusammengewesen, doch niemand hatte sie bisher so geküßt, wie Hendricks.
Rick, rief sie sich ins Gedächtnis zurück. Einmal mehr konnte sie sich
nicht erklären, was mit ihr geschah. Warum ließ sie sich von einem Wildfremden,
von dem sie kaum mehr als seinen Namen kannte, küssen - und genoß es
dabei auch noch!
Sarah schluckte und öffnete dabei ihren Mund einen Spaltbreit. Hendricks
nutze die Chance sofort. Seine Zunge teilte ihre Lippen und fand die
ihre, die sie scheu tief in die Mundhöhle zurückgezogen hatte. Doch
nun, als er sie fordernd neckte und sein Kuß immer stürmischer wurde,
konnte sie nicht mehr an sich halten. Sie schloß die Augen, wehrte sich
nicht länger gegen die aufkeimende Leidenschaft, sondern gab sich ihr
bedingungslos hin. Eine weit entfernte Stimme in einem stillen Kämmerlein,
das sie vielleicht als Vernunft bezeichnet hätte, raunte ihr zu, sie
solle sich ihm nicht hingeben, doch die Verlockung war einfach zu groß,
und er hatte es irgendwie geschafft, sie in ihren Bann zu bringen.
Die junge Frau schlang ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn noch fester
zu sich heran. Doch Rick Hendricks löste sich von ihr. Fast enttäuscht
blickte Sarah ihn an und erntete ein verstehendes Lächeln.
»Ich sehe, du erinnerst dich«, meinte er, doch das war völlig falsch.
Sie war nur eine Gefangene seiner Leidenschaft geworden, aber es gab
nichts, das ihr die Erinnerung an ihn, dieses Leben oder die Umgebung
wiedergegeben hatte.
»Nein«, gestand sie. »Aber... da ist irgend etwas. Ich kann es nicht
erklären.«
Rick beugte sich wieder zu ihr herab. Seine Lippen berührten ihre Wange,
glitten dann tiefer an ihrem Hals hinab und bahnten sich einen Weg hinunter
zu dem Tal zwischen ihren Brüsten. Sie stöhnte leise auf, als Rick hektisch
an den Bändern ihrer Bluse nestelte. Er schob den Stoff ungeduldig beiseite
und berührte ihre Brüste mit seinen Händen. Für einen Augenblick war
Sarah versucht, ihn von sich zu stoßen, sich dem Kommenden zu widersetzen,
doch wie schon zuvor spürte sie in seiner Nähe eine gewisse Vertrautheit.
Irgend etwas an Rick Hendricks kam ihr bekannt vor, aber sie konnte
beim besten Willen nicht sagen, was. Sarah gab sich ihm hin. Sie genoß
seine Liebkosungen und seufzte leise, als seine Zunge spielend um ihre
Brustwarzen kreiste.
»Was tust du da?« Nicht, daß sie es wirklich nicht wußte. Ihre Frage
wollte auch nicht beantwortet werden. Sie diente lediglich dazu, ihre
Unsicherheit zu verbergen. Rick Hendricks bemerkte ihre Zurückhaltung
und hielt in seinem Tun inne.
»Willst du es denn nicht?« fragte er.
Als er sie mit diesem Blick ansah, waren ihre Zweifel wie von selbst
verflogen. Sie hätte nicht erklären können, warum sie sich mit ihm einließ,
aber in dieser Sekunde machte sie sich darüber nicht die geringsten
Gedanken. Einzig und allein der Augenblick zählte.
»Mach weiter«, bat sie und lehnte sich entspannt ins Stroh zurück. Hendricks
lächelte, schob wie beiläufig ihren Rock hoch und vergrub sein Gesicht
in ihrem Schoß. Sarah stöhnte auf. Ihr Körper bebte innerlich, und als
wohlige Schauer über ihn liefen, drängte sie ihr Becken Ricks Zunge
entgegen. Er dankte es ihr mit Geduld und Ausdauer und trieb sie auf
diese Art ihrem ersten Höhepunkt entgegen.
*
Feines Sonnenlicht fiel vereinzelt durch die Ritzen der Scheunenbretter,
strich sanft über das Heu und erwärmte Sarahs nackte Haut. Sie lag eng
in Rick Hendricks' Armen gekuschelt und schwelgte in angenehmen Erinnerungen
des vorigen Tages. Irgendwann waren sie ermattet eingeschlafen und nicht
vor dem nächsten Morgen wieder wachgeworden. Rick döste sogar jetzt
noch vor sich hin, obwohl es bereits später Vormittag sein mußte.
Sarah drehte sich in seine Richtung und beobachtete ihn eine Weile verträumt.
Dieser - eigentlich fremde - Mann hatte ihr die schönsten Stunden ihres
Lebens geschenkt. Und trotzdem wußte sie noch immer nicht, warum sie
sich überhaupt mit ihm eingelassen hatte. Die Welt um sie herum hatte
sich nicht verändert, und sie besaß die vollen Erinnerungen eines Tages
- von den Stunden des Schlafs einmal abgesehen. Was immer mit ihr geschehen
war, sie konnte einfach nicht träumen. Das hier mußte die Realität sein;
je mehr sie diese Tatsache akzeptierte, desto schwieriger wurde es,
sie auch wirklich zu begreifen.
Rick wurde wach. Langsam hoben sich seine Lider, und er sah direkt in
Sarahs Augen. Sie lächelte und streichelte ihm über das kurze Haar.
Sein klarer Blick ließ ihr gar keine andere Wahl, als sich näher an
ihn zu schmiegen und ihn mit Küssen zu bedecken. Rick erwiderte ihre
Liebkosungen sofort. Als Sarah bemerkte, daß seine Küsse und Bewegungen
wilder wurden, schob sie ihn leicht von sich.
»Was ist los?« fragte er überrascht.
Sarah schüttelte kaum merklich den Kopf. »Es ist ... nichts ...«
»Bereust du es?« wollte Rick wissen.
»Nein, ich ...«, stammelte Sarah. »Ich kann mir nur nicht erklären,
was hier geschieht.«
»Geschieht?« echote er.
»Mit mir«, erklärte die junge Frau. Ihre schwarzen Haare glänzten seiden
im einfallenden Licht der Sonne. Rick streckte eine Hand vor und berührte
ihre langen Strähnen.
»Nichts geschieht mit dir«, sagte er.
Sarah griff nach seiner Hand, drückte sie gegen ihre Wange und preßte
die Lippen aufeinander.
»Du kannst es vermutlich nicht verstehen, Rick. Aber das alles hier«,
mit der freien Hand beschrieb sie einen Bogen um die Scheune und deutete
zum Schluß erst auf Hendricks, dann auf sich, »ist nicht richtig. Das
letzte, an das ich mich erinnern kann, ist die Bücherei, in der ich
arbeite. Plötzlich wache ich in einem Wald auf, trage diese seltsamen
Kleider und treffe auf dich. Und du scheinst nicht im mindesten überrascht
zu sein, obwohl ich dich noch nie in meinem Leben gesehen habe.«
Schweigend folgte Rick den Ausführungen der jungen Frau. Als sie endete,
legte er den Kopf schief und blickte sie fragend an.
»Ich weiß nicht, in welch seltsamem Alptraum du heute Nacht gefangen
warst«, sagte er. »Aber hör dich selbst an. Das was du dort erzählst
ist zu phantastisch, um wahr zu sein. Und was deine fehlenden Erinnerungen
angeht - Huey Raynor und seine Mannen haben dir im Schloß arg zugesetzt.
Es ist nur zu verständlich, daß dein Verstand versucht, dich zu schützen,
indem er einige unangenehme Dinge aus deinem Gedächtnis verdrängt hat.«
Sarah stieß hörbar die Luft aus. Es mochte sein, daß Rick aus seiner
Sicht logisch sprach, aber sie wußte, daß sie unmöglich die Person sein
konnte, für die er sie hielt. Sie brauchte Antworten, wenn sie erfahren
wollte, was eigentlich mit ihr geschehen war.
»Wer bin ich?« fragte sie geradewegs heraus.
Rick Hendricks' Blick war mehr als verdutzt. Seine Kinnlade klappte
herunter und seine Augen weiteten sich.
»Wie bitte?«
»Wer bin ich?« wiederholte sie diesmal mit gefestigter Stimme. »Nenne
mir meinen Namen!«
Eine steile Falte entstand zwischen Hendricks' Brauen. »Willst du mir
damit sagen, daß du selbst deinen eigenen Namen vergessen hast?«
Sie kroch näher auf ihn zu, ließ seine Hand los und packte ihn an den
Schultern. »Sag es!«
Zwei, drei Sekunden herrschte Stille. Eine Zeit, in der sie sich nur
anstarrten und scheinbar darauf warteten, daß irgend etwas unfaßbares
geschah. Dann gab sich Hendricks einen Ruck und antwortete: »Cathrine
Penelope Montgomery.«
»Was?« keuchte sie. Das gab es doch nicht!
Wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf, blickte sich hektisch
in der Scheune um und stürmte plötzlich los, als sie meinte, etwas passendes
entdeckt zu haben. Rick blieb erstaunt zurück. Sarah war hinter einem
Strohballen verschwunden. Da hörte er einen unterdrückten Aufschrei,
wuchtete sich hoch und setzte ihr hinterher. Er fand sie über einen
blechernen Teller gebeugt, den der Bauer für seine Katzen herausgestellt
hatte. Matt warf das zerbeulte Metall das Spiegelbild Sarahs zurück
und offenbarte ihr, was sie nicht wahrhaben wollte. Dies hier war nicht
mehr ihr Leben. Sie erkannte ihr Spiegelbild nicht wieder. Die Fremde
besaß ebenfalls langes, schwarzes Haar, aber damit hörten die Gemeinsamkeiten
auch schon auf. Ihre Augen waren braun, nicht grün wie Sarahs. Mit einer
Hand betastete sie die schmalen Lippen der Fremden, die so gar nicht
ihren eigenen glichen. Auch die Nase war zu schmal, die Gesichtsform
eher oval denn rund.
»Großer Gott«, flüsterte sie entsetzt. Ricks Hände legten sich von hinten
auf ihre Schulter.
»Was hast du nur?« fragte er leise.
»Das bin ich nicht«, erwiderte Sarah.
»Unsinn!« knurrte Rick, nun doch ein wenig ungehalten über die Situation.
Für ihn mochte sie nur wirres Zeug reden; er konnte nicht verstehen,
welche düstere Erfahrung sie soeben durchmachte.
Sarah drehte sich langsam um und streifte dabei seine Hände ab. Ihre
Blicke trafen sich, und während er sie nur fragend ansah, glaubte er
in ihren Augen den nahenden Wahnsinn zu erkennen.
»Cathrine!«
»O Rick, es tut mir leid, aber ich bin nicht Cathrine«, sagte sie. »Irgend
etwas furchtbares ist hier geschehen. Ja, ich gehöre eigentlich gar
nicht hierher. Ich weiß nicht wer du bist, noch was dieser Raynor von
mir will - ich gehöre ja nicht einmal in diese Zeit...«
In diesem Augenblick flog das Scheunentor auf. Drei Gestalten huschten
im Schutz des grellen Sonnenlichts hinein. Ein Sirren erfüllte die Luft.
Sarah und Rick mußten die Augen schließen. Etwas hartes prallte gegen
die junge Frau. Sie stolperte und fiel ins Stroh. Haarscharf sirrte
etwas an ihr vorbei. Dann hörte sie ein Scheppern, anschließend das
Schleifen von Metall auf Metall. Sie riskierte es die Lider zu öffnen,
doch die Helligkeit tat in ihren Augen weh. So konnte sie blinzelnd
nur schemenhaft erkennen, was um sie herum geschah.
»So sieht man sich wieder, Hendricks«, höhnte eine sonore Stimme vom
Scheunentor her.
»Darauf hätte ich gut und gerne verzichten können!« zischte Rick wütend
zurück.
Sarah richtete sich langsam auf und rieb sich die Augen. Tastend bewegte
sie sich zu einer schattigen Seite innerhalb der Scheune, und endlich
sah sie, was vor sich ging. Drei Bewaffnete hatten das Gebäude betreten.
Das Sirren, das Sarah gehört hatte, rührte von abgefeuerten Armbrustbolzen
her, und als sie zurückblickte, gewahrte sie, daß eines dieser Geschosse
sie nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Hätte Rick sie nicht beiseite
gestoßen, wäre sie jetzt vermutlich schon tot.
Einer der drei war schätzungsweise über einsneunzig groß, trug blondes,
kurzes Haar und hatte einen eher warmherzigen Blick, auch wenn das Rapier
in seiner Hand diesen Lügen strafte. Hendricks hingegen hatte ebenfalls
seine Klinge gezogen und war knapp vier Schritte von seinem Widersacher
entfernt in Stellung gegangen.
»O nein«, ächzte Sarah.
Die Männer drehten sich um, und einer der Schützen hob seine Armbrust
und legte auf die junge Frau an. Der Anführer wirbelte herum und schlug
dem Mann mit der flachen Klinge auf die Hände. Dieser schrie auf und
ließ die Armbrust fallen.
»Du Narr!« schnauzte der Anführer, bei dem es sich nur um Raynor handeln
konnte. »Wenn ihr auch nur ein Haar gekrümmt wird, hänge ich euch an
euren Schwänzen auf und warte bis euch die Geier die Innereien rausgepickt
haben.«
Raynor fuhr wieder in Hendricks Richtung herum, als dieser einen Schritt
nach vorn gemacht hatte. Ohne Vorwarnung kreuzten sie die Klingen, lieferten
sich einen kurzen Schlagabtausch und sprangen dann auseinander. In geduckter
Position begannen sie, sich zu umkreisen, um die Schwächen in der Verteidigung
des Gegners auszuloten. Immer wieder täuschte einer der beiden einen
Schlag vor, um zu sehen, wie der jeweils andere darauf reagierte.
Sarah St. James sog laut die Luft ein. Sie konnte nicht mit ansehen,
wie die beiden sich totschlugen. Und irgendwie hatte sie das dumpfe
Gefühl, daß es bei diesem Streit einzig und allein um sie selbst ging.
Sie mußte einfach etwas tun - so jedenfalls war die Theorie. Um so mehr
überraschte sie ihr eigenständiges Handeln. Noch ehe sie selbst begriff,
was sie überhaupt vorhatte, war sie bereits vorgesprungen und rannte
auf die beiden Kontrahenten zu.
»Aufhören!« schrie sie.
Die Armbrustschützen wirbelten herum, doch Raynors Warnung schien ihnen
noch Lehre genug zu sein, um nicht blindlings das Feuer zu eröffnen.
Der Anführer war ebenfalls abgelenkt, und Rick nutzte seine Chance.
Er stieß mit dem Degen zu, doch anscheinend hatte Raynor die Attacke
aus den Augenwinkeln registriert und reagierte instinktiv. Er brachte
die eigene Klinge zwischen sich und Ricks Waffe. Metall schepperte.
Rick wirbelte herum und holte aus. In diesem Moment hatte Sarah die
beiden Widersacher erreicht und lief im Eifer des Gefechts in Hendricks'
Schlag hinein. Das Metall traf sie am Kopf. Ein kurzer Stich durchzuckte
Sarah, dann brandete beißender Schmerz auf. Etwas Warmes lief ihr von
der Stirn über die Wange, und als mit dem Handrücken darüber wischte,
erkannte sie, daß es Blut war.
»Nein!« keuchte Raynor.
Rick stand ihr nur fassungslos gegenüber. Der Schmerz nahm nochmal zu,
als sie seinen verwirrten und entsetzten Gesichtsausdruck gewahrte.
Sie wußte, daß er sie liebte und sie nicht nur Opfer einer kurzen Affäre
geworden war. Aber noch immer hatte sie nicht den blassesten Schimmer,
was hier eigentlich mit ihr geschah.
»O Gott, Cathrine, was habe ich getan?«
Ihr Blick verschleierte sich. Sie hatte nicht wirklich das Gefühl, sterben
zu müssen, dazu konnte der leichte Schnitt der Degenspitze einfach nicht
tief genug gewesen sein. Doch der Anblick des Blutes und das Brennen
an ihrer Stirn verlangten ihr Opfer. Sarah merkte noch, wie ihre Knie
nachgaben. Dann schwand ihr Bewußtsein in einen traumlosen Dämmerzustand.
*
Klinisch Tote, die ins Leben zurückgerufen worden waren, berichten davon,
durch tiefe Dunkelheit auf ein helles Licht zugetrieben zu sein. Fast
erschien es ihnen wie das Licht am Ende eines Tunnels, und so war die
Idee des berühmten Tunnelerlebnis' geboren, durch das der Übergang in
eine jenseitige Welt möglich sein sollte. Sarah St. James hatte das
Gefühl, in eben jenem Tunnel zu treiben, als sie sich des hellen Flecks
in weiter Ferne bewußt wurde.
Bin ich tot? fragte sich Sarah unsicher.
Der verwaschene Fleck wuchs rasch an und erfüllte alsbald ihr komplettes
Gesichtsfeld. Sie tauchte hinein ins Licht...
... und öffnete die Lider. Als sich ihr Blick klärte, erkannte sie daß
es sich bei dem Leuchten um nichts anderes als den glutroten Ball der
Sonne gehandelt hatte, der tief am Horizont stehend seine Strahlen durch
die großen Fenster der Bibliothek sandte.
Bibliothek? dachte Sarah erstaunt. Sie blinzelte und rieb sich die Augen.
Tatsächlich fand sie sich in der Bücherei wieder, lag lang ausgestreckt
auf dem kühlen Marmorboden. Ächzend richtete sie sich halb auf und berührte
instinktiv mit einer Hand ihre Stirn. Sie hatte sich durch den Aufprall
eine Beule zugezogen, blutete jedoch nicht.
Aber ich habe deutlich den Stich von Ricks Degen gespürt.
Sarah schluckte. Sie war zum Schluß felsenfest davon überzeugt gewesen,
nicht in einem Traum gefangen zu sein; dazu hatte es einfach zu lange
gedauert und war chronologisch abgelaufen, nicht so bruchstückhaft und
verworren, wie man oft Träume erlebte.
»Was für ein Unsinn«, stammelte sie. Aber wenn sie so lange bewußtlos
dargelegen hatte, warum hatte sie niemand gefunden? Und warum schien
noch die Sonne? Ihrem Zeitempfinden zufolge mußte es spät in der Nacht
sein.
Sie blickte auf ihre Armbanduhr und erschrak. Sie wußte noch ungefähr,
wann sie das Streitgespräch mit der Rutherford geführt hatte. Seit dem
waren kaum vier Minuten vergangen, und sie hatte die vollen Erinnerungen
von einem ganzen Tag. Ihr Gedächtnis wies auch jetzt keine Lücken auf.
Wenn sie sonst träumte, hatte sie das Erlebte nach dem Wachwerden sofort
vergessen, aber nun konnte sie sich bis ins kleinste Detail erinnern.
Ich kann das alles unmöglich in vier Minuten geträumt haben,
dachte sie rätselnd. Sicher, das Zeitempfinden in Träumen war anders,
als in der Realität, und Stunden konnten sich innerhalb weniger Sekunden
abspielen. Aber ein ganzer Tag?
Noch ein wenig benommen zog sich Sarah an der Leiter hoch. Sie reckte
sich ein wenig und sah in den Lesesaal hinaus. Noch immer saßen die
Besucher, die sie zuvor schon ausgemacht hatte, an den Lesetischen in
ihre Lektüre vertieft. Niemand schien auch nur etwas von ihrem Sturz
mitbekommen zu haben. Kopfschüttelnd und verwirrt wandte sie sich ab.
Als sie zu Boden sah, erblickte sie das Buch, dessentwegen sie überhaupt
von der Leiter gefallen war. Sie bückte sich, um es aufzuheben und erstarrte
noch mitten in der Bewegung. Ihre ausgestreckte Hand, die zuerst nach
dem Buch greifen wollte, zuckte regelrecht zurück, als hätte sie eine
heiße Herdplatte berührt.
»Das gibt's doch nicht!« stöhnte Sarah auf. Ihr Blick hing wie gebannt
an dem Schriftzug des kleinen, unscheinbaren Einbandes.
Mein Leben in Kerrigan
aufgezeichnet von Cathrine Penelope Montgomery
Mit großen Augen stierte sie den Titel an. Ihre Lippen
formten die Laute der Verfasserin lautlos nach. Cathrine Penelope Montgomery!
Das war der Name, den Rick Hendricks ihr genannt hatte. Aber wie konnte
das sein?
»Zufall!« stieß sie hervor. Vermutlich hast du noch im Fallen den
Titel des Buches gesehen und dir in den Wirren der Bewußtlosigkeit eine
Story zusammengeträumt. Die Erklärung klang vernünftig, beruhigte
sie jedoch nicht im mindesten. Sarah überwand ihre Scheu, bückte sich
und griff nach dem Buch. Da war nichts besonderes; es fühlte sich weder
merkwürdig an, noch sprang gleich ein Dämon daraus hervor, um sie zu
verschlingen. Einmal mehr redete sie sich ein, daß ihr Traum und der
Name der Autorin nur purer Zufall sein konnten.
»Ich habe geträumt«, sagte sie sich. Sarah fuhr sich mit der Zunge über
die trocken gewordenen Lippen und schlug den Buchdeckel auf. Sie blätterte
wahllos, überflog einige Aufzeichnungen, die eher Tagebucheintragungen
glichen, als einem Roman oder einer Biographie. Nur fehlten Angaben
zu Jahreszahlen. Plötzlich hielt Sarah inne, als ihre Augen beim Blättern
ein vertrautes Wort entdeckten - genauer gesagt, einen Namen! Sie schlug
eine Seite zurück und prallte vor Entsetzen zurück. Das Buch entglitt
ihren Händen und landete auf dem Boden. Sarah spürte, wie ihre Knie
weich wurden. Sie taumelte rückwärts und stieß an dem Regal hinter sich
an.
»Unmöglich«, stammelte sie verwirrt. Sie mußte sich geirrt haben; ihr
Hirn hatte ihr einen Streich gespielt, sie vermutlich nur das sehen
lassen, was sie sehen wollte. Sarah atmete tief durch, ging in die Hocke
und ergriff abermals das Buch. Mit zittrigen Händen schlug sie die Seiten
um. Da war er wieder! Der Name sprang ihr förmlich in die Augen und
lähmte ihr Denken.
Rick Hendricks!
Sarah begann zu lesen. Die Textstelle beschrieb einen Tagebucheintrag
Cathrine Peneleope Montgomerys im Schloß des Earl of Kerrigan. Wie sie
es schon geahnt hatte, war die Frau zwischen der Liebe zweier Männer
hin und her gerissen. Cathrine liebte Hendricks, aber Raynor, die rechte
Hand des Statthalters begehrte sie ebenfalls, und da sich ihr Vater
zu Lebzeiten auf einen Handel mit dem Earl eingelassen hatte, war ihre
Ehe mit Raynor vorherbestimmt worden. Im Widerspruch ihrer Gefühle war
Cathrine mit Hendricks geflohen, ständig in der Angst lebend, von Raynor
und seinen Schergen entdeckt zu werden. In der Mitte des Buches befand
sich eine detaillierte Zeichnung, auf der Cathrine, Raynor und Hendricks
abgebildet waren. Sarah schluckte. Obwohl die Gesichter nur gezeichnet
waren, waren sie so deutlich zu erkennen, wie sie sie noch aus ihrem
Traum in Erinnerung hatte.
Das kann doch kein Zufall sein, sagte sie sich. Sie konnte unmöglich
davon geträumt haben. Die Namen, das Aussehen, die Hintergründe - alles
paßte ins Bild, obwohl sie sicher war, dieses Buch nie zuvor in ihrem
Leben angerührt, geschweige denn gelesen zu haben. Sarah blätterte weiter.
Auf den letzten Seiten konnte sie die Ereignisse nachlesen, die sie
selbst erlebt hatte. Sie erschrak förmlich, als sie wortwörtlich genau
das las, was ihr widerfahren war. Selbst die Erinnerungslücke spielte
eine Rolle in den Schilderungen. Angetrieben von einer inneren Neugier
verschlang Sarah die Sätze, sog sie in sich auf und war begierig darauf
zu erfahren, wie die Geschichte ausgehen würde. Doch sie wurde maßlos
enttäuscht. Das Buch endete abrupt an der Stelle, an der Cathrine durch
den Degenstreich Hendricks' bewußtlos wurde.
»Das kann doch nicht sein«, stöhnte Sarah auf. Mittlerweile mußte sie
sich sicher sein, daß sie ihre Erlebnisse nicht geträumt hatte. Das
war einfach zu phantastisch. Aber was war dann genau geschehen? War
ihr Bewußtsein in der Ohnmacht in die Vergangenheit gereist und in den
Körper Cathrines geschlüpft? Oder waren die Erinnerungen an ein früheres
Leben einfach nur freigesetzt worden? Beide Lösungen gefielen ihr nicht.
Sie hatte sich nie mit dem Übernatürlichen auseinandergesetzt und es
stets in den Bereich der Mythen und Legenden verbannt. Deshalb konnte
sie auch jetzt nicht akzeptieren, was mit ihr geschehen war. Sie schüttelte
den Kopf. Alles was sie jetzt brauchte, war Ruhe. Morgen sah die Welt
bestimmt anders aus, und sie würde ihr Erlebnis als das abtun, was es
einfach gewesen sein mußte - eine Halluzination gekoppelt mit dem puren
Zufall.
Ja, so war es. Anders konnte es gar nicht sein!
Sarah St. James klappte das Buch zusammen und spielte mit dem Gedanken,
es ins Regal zurückzustellen. Doch im letzten Moment zog sie es wieder
zurück. Eine innere Eingebung riet ihr, es mit nach Hause zu nehmen.
Sie wollte es noch einmal ganz lesen. Die junge Frau räumte die restlichen
Bücher ins Regal ein und drehte sich zum Lesesaal um. Sie hatte gerade
drei Schritte getan, als jemand um die Ecke der Regalwand bog. Sarah
rechnete mit Mrs. Rutherford und war gänzlich überrascht, als direkt
vor ihr ein Mann stehenblieb. Als sie in seine Augen sah, war ihr, als
greife eine eiskalte Hand an ihre Kehle und schnürte sie langsam zu.
Das Atmen fiel ihr sichtlich schwerer, und ihre Gedanken rotierten wie
wild in ihrem Kopf, ohne ein Ziel zu finden, an dem sie sich festklammern
konnten. Sarah wurde von Panik erfaßt, glaubte in einen reißenden Strudel
geraten zu sein, der sie einem Mahlstrom gleich grausam in die bodenlose
Tiefe ihres eigenen Ichs sog. Wie eine Ertrinkende streckte sie die
Hände in Richtung des Mannes von sich, doch er war nicht derjenige,
von dem sie sich Rettung aus dem Dilemma erhoffte.
Vor ihr stand Huey Raynor! Der große Blonde hatte ein sanftes Lächeln
aufgesetzt, doch wie schon in ihrem angeblichen Traum vermochte es nicht,
Sarah zu beruhigen. Im Gegenteil. Sie spürte ihr Herz rasen, wie wild
pochen und glaubte jeden Moment, es würde durch ihren Brustkorb springen.
»Hallo Sarah«, sagte Raynor mit sonorer Stimme. »Ich habe dich schon
erwartet.«
E N D E
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