Geburtstage wie dieser

Eine satirische Albernheit von Martin Kay

© August 2003

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Ans Älterwerden denke ich noch nicht. Nein, nicht mit siebenundzwanzig. Vielleicht mit neunundzwanzig oder achtundzwanzig, aber bis dahin sind es ja noch dreihundertfünfundsechzig Tage hin.
Heute Morgen beim Aufstehen, habe ich irgendwie gefühlt, dass dies ein besonderer Tag sein wird, nicht nur weil ich Geburtstag habe, wahrscheinlich eher, weil es der letzte Geburtstag ist, an dem ich mir keine Gedanken übers Älterwerden mache. Nur fürs Protokoll: Mein Name ist übrigens Pischi Berghaus, zuweilen bin ich auch als Mr. L bekannt, hin und wieder auch als Big L, manchmal einfach nur unter L.
Ein sonniger Augustmorgen. Herrlich. Nachdem ich die Torte für meine Arbeitskollegen aus dem Kühlschrank genommen, sie mit Tabasco nachgewürzt habe, verstaue ich sie in meinem Wagen. Da steht er. Der protzige Almera unter dem noch protzigeren Carport.
Das Leben ist schön, denke ich, schiebe mir die ultracoole Sonnenbrille auf die Nase, betrachte mich im Rückspiegel und werkele so lange daran herum, bis sie hundertprozentig gerade sitzt. Dann starte ich den Motor. Was für ein Geräusch, ja, die Pferde merkt man meinem Schlitten an.
Ich lächle. Das abgegriffene Zippo feuert eine Lucky Strike an – es kann losgehen.
An der ersten Ampel – sie ist natürlich rot – kurbele ich das Seitenfenster herunter und tippe den Mofafahrer neben mir an. Der guckt blöd, aber was soll man machen?
»Morgen, sagen Sie mal, sitzt meine Sonnenbrille richtig?«
Er guckt noch blöder. Fast wie ein Auto. Während ich darüber nachdenke, wie ein Auto gucken kann, springt die Ampel auf grün um, der Mofafahrer ist weg, hinter mir beginnt ein Hupkonzert. Ja, das ist Horstmar, da sind alle ungeduldig.
Exakt dreiundzwanzig Minuten und sieben Sekunden später – wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich mich um vier oder fünf Sekunden verschätzt habe – treffe ich an meiner täglichen Broterwerbsstätte ein. Auffe Arbeit, wie man hier sagt. Und übrigens, mit Broterwerb meine ich keine Bäckerei!
Die Tür steht offen. Ich bin nicht der Erste. Gespannt gehe ich durch den Flur, tapse die Treppen hoch und stelle oben die Torte ab, um noch einmal die Sonnenbrille zu richten.
»Guten Morgen, ich begrüße euch!«
Die Putzfrauen stehen mit ihren Staubsaugern Spalier. Staubsauger, das gefällt mir. Ich lächle, sie lächeln zurück und stimmen einen schiefen Sound an, der mich daran erinnert, dass ich keine Geburtstagsständchen mag.
»Nun lasst mal gut sein, Mädels.« Ich würze noch mal die Torte mit Tabasco nach, verfrachte sie in den Kühlschrank und entsorge dabei gleichzeitig die abgelaufenen Joghurts meines Kollegen Howard. Albern!
Nach dem ich die Putzen nach Hause geschickt habe, schalte ich erst mal das Radio ein und fische die BILD aus meiner Tasche. Geiles Mädel! Ach, der Gerd verspricht schon wieder eine Steuererhöhung und Gott Dieter will ein zweites Buch schreiben.
Schön, schön, acht Uhr. Wird Zeit, was zu tun.
Inzwischen sind mein Kollege Howard und unser Auszubildender Herr Wahrtmann eingetroffen. In den E-Mails die ersten Geburtstagsgrüße aus Hamburg. Mal schauen, was das Internet so macht. Jawoll, die Jungs und Mädels von Foltom haben an mich gedacht.
Das Telefon klingelt. Ich nehme den Hörer ab, räuspere mich.
»Pischberg? Äh ... Berghaus, meine ich.«
Ein Krächzen am anderen Ende der Leitung. »Hier ist die Frau Haustenbecke. Elvira Haustenbecke. Hören Sie mal, ich suche meinen Pudel.«
»Ja ... guten Morgen. Äh ... Pudel? Sie haben hier in einer Spedition angerufen. Sollen wir den für Sie irgendwohin transportieren?«
»Was? Spionieren? Wo denken Sie hin, ich will nur meinen norwegischen Puschel-Pudel wiederhaben.«
»Ja ... aber wie kommen Sie denn darauf, dass er hier ist?«
»Na, ich bin doch richtig bei Pischel, oder?«
Ich lege auf. Manchmal macht es einfach keinen Sinn, mit den Leuten zu diskutieren. Howard lacht über irgendwas. Egal. Ich decke Herrn Wahrtmann erst einmal mit Arbeit ein, gehe dann zum Kühlschrank und schmecke die Torte ab. Es könnte ja noch etwas Tabasco ran.
Inzwischen ist auch unser Mitstreiter aus dem Süden eingetroffen. Joa-mei und Jetza gehen mir heute irgendwie am Arsch vorbei. Nach der dritten Tasse Kaffee, der zweiten Tasse Latte Macciato und dem dritten Uzo höre ich merkwürdige Gepolter von draußen. Ich nehme die Sonnenbrille von der Nase, ignoriere die umgestoßene Kaffeetasse, die ihren Inhalt auf meiner Tastatur entleert und stürze zum Fenster.
»Ei das gibt’s do net!«, ruft der Bayer von hinten. Er steht auch am Fenster. Howard auch. Ich erlaube Wahrtmann, weiterzuarbeiten.
Draußen steht eine Kapelle der Feuerwehr und spielt For he’s a jolly good fellow.
»Ei der Wahnsinn! Pischi, spiel’n die für dich?«
Was für eine Frage, die spielen für den Manager! Es klingelt an der Tür. Das kann nur UPS sein. Ich gehe zur Tür und wackle dabei mit meinem Hintern im Takt. Das muss irgendwie schwul aussehen, denn Howard pfeift mir plötzlich hinterher. Ich könnte kotzen.
Ein Donnern dröhnt vom Flur herauf. Gleich zwanzig Mädels schieben unseren guten Drill-Sergeant Hektor Buschmann von UPS vor sich her. Nur mit Mühe gelingt es mir, die Tür rechtzeitig zu schließen und von innen zu verriegeln, ehe die Meute durchbricht. Buschmanns Nase wird an der Glastür platt gequetscht. Sehe ich da tatsächlich nackte Brüste?
»Howard, komm schnell, die Tussen zieh’n sich aus!« Howard reagiert nicht, schreibt an irgend so einem Seenotrettungskreuzer-Roman.
Draußen werden die Geräusche der Kapelle von einem tiefen Brummen übertönt. Fünf BO-105-Helikopter der Polizei kreisen über unserer Straße und haben an ihren Kufen Werbebanner angebracht: Pischi lebe hoch! Pischi for President! Pischi und das Pischi Pischel Puschkommando!
Ja, Papa hat an mich gedacht.
Es klingelt wieder unten an der Tür. Diesmal drücke ich nicht auf, sondern benutze die Gegensprechanlage.
»Ja bitte?«
»Gelatzte Konditoren, Ihre Bestellung ist da!«
Ich weiß von nichts. Hochkommen können sie auch nicht, denn der Pulk an Mädels ist vor der Tür noch größer geworden, und wenn nicht bald ein Wunder geschieht, werden die überdimensionierten Brüste der Rothaarigen ganz vorn bald das Türglas gesprengt haben.
»Sach dem Guido, ich melde mich später!« Ich lege auf, gehe zum Kühlschrank und vernichte Howards Eistee. Muss er ja nicht merken. Bei der Gelegenheit würze ich die Torte noch mit Tabasco nach.
An meinem Platz angelangt, lechzt Herr Wahrtmann nach mehr Arbeit, während sich unser Südländer mit dem merkwürdigen Akzent die Nase an der Scheibe platt drückt und den Mädels auf der Straße zuwinkt. Den Sabber am Fenster kann er aber später selbst wegputzen.
Gegenüber auf dem Thyssen-Schulte-Gelände hat sich eine Schar Möwen eingefunden. Ich wusste nicht, dass Möwen auch Melodien zwitschern können. Diese hier hört sich verdammt noch mal nach Hoch soll er leben an. Ich bin schwer beeindruckt, am liebsten hätte ich jetzt meine Gotcha dabei und würde die Schwälbchen einzeln vom Dach holen.
Ich hab Schmacht nach einer Zichte. Aber draußen jodeln noch immer meine Groupies. Und R.I.B., also Rauchen im Büro, ist hier total out. Was Hektor Buschmann wohl macht?
Das Telefon klingelt.
»Pischberg ... äh, ich meine Berghaus?«
»Hier ist das Büro des Oberbürgermeisters. Wir würden Sie gerne zum Bürger des Jahres wählen.«
»Nee lasst mal, ich hab jetzt keine Zeit.« Ich hänge ein. Es klingelt erneut.
»Pischberg ... äh, ich meine Berghaus?«
Ich höre dem Anrufer kaum zu, frage mich in Gedanken, ob die Torte genug Tabasco hat. Dann schnappe ich Wortfetzen aus dem Hörer auf: »... quo vadis, Pischel? Anlässlich Ihres heute erreichten, neuen Lebensabschnittes haben wir, um einer endgültigen Gefährdung des deutschen Volkes entgegenzuwirken, diese Bundestagsdebatte einberaumt.«
»Was? Gerd, bist du das?«
»Jetzt halt mal den Babbel, Pischi«, sagt der Anrufer. Die Stimme klingt jedenfalls wie Gerds. Ich lege auf, merke, dass ich die Stimme noch immer höre. Sie kommt aus dem Radio, gar nicht aus dem Hörer.
»Herr Ministerialprofingent Doktor Martin von Knoe-Peritz vom Bundesverzettelungs-ministerium wird uns folgende Frage näher erörtern: Gefährdet der deutsche Pudel, pardon, der deutsche Pischel den Zusammenhalt der Europäischen Hausgemeinschaft?«
Eine andere Stimme ist zu hören.
»Herr Doktor von Knoe-Peritz, sehen Sie hier eine tatsächliche Gefährdung oder geht es wie immer um den nervus rerum?«
»Hä?« Ich gucke Herrn Wahrtmann verständnislos an. Hat er die Kacke angemacht? Ich decke ihn mit Arbeit zu, obwohl er schon bis unter die Decke mit Arbeit voll steckt.
Ein Räuspern aus dem Radio. »Nun, lassen Sie es mich so ausdrücken:«, das war doch Howards Stimme, oder bin ich jetzt ganz malle?, »Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet.«
Ich springe auf, schalte den Kasten aus. Wieder klingelt das Telefon.
»Herr Wahrtmann, schauen Sie mal bei der Torte nach, ob noch Tabasco dran muss«, sage ich und nehme den Hörer ab. »Ja, Pisch... äh Berghaus?«
»Panscheeeer, ich begrüüüüsche Dschie!«
»Ach Uwe, hör auf, wat willse?«
»Uwe? Hier ist noch mal Frau Haustenbecke. Ich wollte wegen des Pudels ...«
Es hat keinen Zweck. Ich hänge ein. Draußen tut sich was. Die Polizeihubschrauber drehen ab, dafür sind vier Blackhawks zu sehen aus denen sich jetzt Männer in Schwarz abseilen. Ich glaub es nicht, die kommen ...
Fensterglas klirrt als gleich vier Typen in Kampfmontur sich Zugang zum Gebäude verschaffen. Ich denke erst, das wären die Jungs vom SEK. Braver Papa, denkt an alles. Aber die sind es gar nicht.
Einer der Schwarzgekleideten kommt auf mich zu. »Wir sind vom Pischi Pischel Puschkommando.«
Die Eingangstür gibt dem Druck der Groupies nach. Herr Buschmann ist unter einem Knäuel von Mädels begraben, dahinter drängt sich eine japanische Delegation mit blitzenden Kameras. Wo kommen die Eichhörnchen her? Waffen des Puschkommandos werden entsichert. Eine Salve fährt durch die Decke und lässt die Groupies kreischend in Deckung flüchten – ein wirklich komisches Bild, wie zwanzig Mädels versuchen, auf einer für maximal zwei Personen ausgebauten Toilette zu verschwinden.
Der Anführer vom Puschkommando packt meinen Arm und zieht mich zum Fenster. Ehe ich überhaupt begreife, dass unser Südländer mit einem Joa mei noch immer hinter der Scheibe klebt, Howard den Seenotrettungskreuzer absaufen lässt und Wahrtmann die Decke mit Arbeit zugekleistert hat, werde ich an einem Seil eingehakt und nach hoben gehievt. Die Flasche Tabasco fällt mir aus der Tasche.
Unten auf der Straße hat sich eine Horde Pudel eingefunden. Ich glaub es nicht. Die Boeing 747 mit den amerikanischen Hoheitsabzeichen über uns, kommt mir verdammt bekannt vor. Heh, was macht die Bundeswehr auf der anderen Seite des Hafenbeckens? Die bauen eine Brücke, um den Verkehrsstrom umzuleiten.
An Bord des Blackhawks drehen wir eine runde Runde rund um den Hafen. Ich bin schwer begeistert. Die Jungs vom Puschkommando haben wirklich was auf dem Holzkasten, der im Hubschrauber untergebracht ist – und zwar ein Fläschchen gut gekühltes Potts Landbier.
Ja, nun sitze ich hier, auf der Parkbank in meinem Garten, hinterm Carport und schlürfe das zehnte Potts. Der Staatsempfang beim George Dabbelju war wirklich cool. Schade, dass an Bord der Air Force One Rauchverbot herrscht. Und schade, dass an der Geburtstagstorte, die die First Lady mir spendierte, etwas Tabasco fehlte.
Nun ja, jetzt ist alles vorbei, und wahrscheinlich werde ich auch beim nächsten Mal nicht übers Älterwerden nachdenken. Warum auch, ich bin noch jung und hab noch das ganze Leben vor mir, auch wenn mir das niemand glaubt.

E N D E