
 



|
 |
Der Geschichtenerzähler
Eine Weihnachtsgeschichte von Martin Kay
© Dezember 1993
|
 |

Mit einem Zischen entflammte der Schwefelkopf des
Streichholzes und warf einen feinen, zitternden Schein in den kleinen
Raum, der kaum die Hand erhellen konnte, die das Holz hielt. Die Flamme
schien ein Eigenleben zu entwickeln, als sie mit einem Mal wie wild
durch die Dunkelheit zu tanzen begann. Und an jedem Ort, an dem sie
kurz innehielt, glomm der Docht einer eben angezündeten Kerze auf. In
nur wenigen Augenblicken brannten genügend Lichter, um das Innere des
Wohnraumes so weit zu erhellen, dass man seine Bewohner im Halbdunkel
erkennen konnte. Ihre Schatten wurden gespenstisch an die Wand geworfen.
Großvater Maximilian schielte über seine runde Nickelbrille und hielt
immer noch das brennende Streichholz. Er starrte direkt in die vor Neugier
geweiteten Augen einiger Kinder aus der Nachbarschaft, die sich jeden
Samstagabend von ihm die tollsten Geschichten erzählen ließen. Maximilian
lächelte, als er die hoffnungsvoll funkelnden Augen der Kinder betrachtete.
Sie waren gerade erst zwischen acht und zehn und so wißbegierig, wie
Kinder nur sein konnten. Dennoch waren sie intelligent genug, um seinen
Geschichten keinen Glauben zu schenken. Sie wußten, daß sie nur erfunden
waren. Trotzdem hörten sie sie gerne, denn sie waren fesselnd, spannend,
interessant...und es könnte sich stets so zugetragen haben, wie Maximilian
es schilderte - jede seiner Erzählungen enthielt eine Spur von Wahrheit.
Der alte Mann rückte sich die Brille zurecht, machte es sich in seinem
riesigen Ohrensessel bequem und warf einen Blick nach draußen.
Es schneite. Er hatte es nicht anders erwartet. Dieses schöne, anmutige
Weiß gehörte einfach dazu.
Maximilian sah zum Wandkalender.
Dezember.
Nur wenige Tage vor Weihnachten - ja, der Schnee gehörte dazu. Er vernahm
ein Räuspern und zuckte innerlich zusammen. War er eingenickt, und die
Kinder wollten ihn nur mit Höflichkeit wecken? Oder waren sie gar ungeduldig
und erwarteten mit Spannung die neue Geschichte?
Er hatte ihnen für heute etwas ganz besonderes versprochen...eine wahre
Geschichte!
Der Reihe nach betrachtete Großvater Maximilian die Kinder. Sie waren
zu sechst gekommen. Vier Jungen und zwei Mädchen. Er kannte nicht einmal
ihre Namen, ja, er hatte sich nie auch nur näher mit ihnen befaßt. Das
einzige, was für ihn zählte, waren die Geschichten, und die Tatsache
daß er jemanden zum Zuhören hatte.
"Bitte, Großvater, fang endlich an", murmelte einer der Jungen plötzlich.
Großvater, dachte Maximilian. So nannten sie ihn alle, obwohl er eigentlich
gar kein Großvater war. Er hatte nicht einmal eigene Kinder gehabt.
Dennoch gefiel ihm die Anrede.
Maximilian legte die Füße hoch, rückte sich eine Kerze zurecht und schlug
dann einen großen Wälzer auf, den er scheinbar aus dem Nichts gezaubert
hatte. Ein Raunen ging durch die Kinder. Das war etwas völlig neues
für sie, denn Großvater Maximilian hatte nie zuvor aus einem Buch vorgelesen.
Alle seine Geschichten erzählte er, aber er las sie nicht.
Doch diese Geschichte sollte ja etwas besonderes sein, eine wirklich
wahre Geschichte, die er nicht nur erfunden hatte.
Nun war es Maximilian selbst, der ein Räuspern vernehmen ließ, als er
einige leere Anfangsseiten im Buch umschlug und dann den eigentlichen
Beginn fand. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand berührte er die alte
Schrift und schien das erste Wort festhalten zu wollen. Er sah zu den
Kindern auf.
"Diese Geschichte, die ich euch vorlesen werde, ist wirklich geschehen.
Und trotzdem wird sie so interessant für euch werden, wie alle meine
anderen Geschichten. Hört gut zu und behaltet sie in euren Herzen, damit
ihr sie eines Tages anderen erzählen könnt. Das, was hier geschieht
darf nicht verloren gehen..."
"Wie meinst du das, Großvater Maximilian?"
Es war derselbe Bub, der zuvor schon gedrängelt hatte. Maximilian zuckte
die Achseln und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu. Er
atmete tief durch.
"Ihr werdet es wissen, wenn ihr die Geschichte gehört habt", sagte er
einfach und begann zu lesen...
...es begab sich zu einer Zeit, in der die Sterne im
glänzenden Abendrot funkelten, wie die Lichter an einem Weihnachtsbaum;
zu einer Zeit, in der der Glaube an das Christkind und den Weihnachtsmann
noch tief in den Herzen der Menschen wohnte...
Das Schnauben der Nüstern seines Rentieres weckte ihn endgültig auf.
Er fröstelte und schüttelte sich vor Kälte. Trotz seines dicken, gefütterten
Mantels war ihm schrecklich kalt, und er glaubte, eines Tages zu erfrieren,
wenn er weiterhin diese kurzen Nickerchen zu dieser Jahreszeit hielt.
Der Mann gähnte laut, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Mit
einem ohrenbetäubenden Aufschrei seiner tiefen, ehrfurchtgebietenden
Stimme richtete er sich auf und reckte seine Arme gen Himmel.
"Ist es schon soweit?" fragte er und schnäuzte ungeniert in ein Taschentuch,
das er aus den Weiten seines roten Mantels hervorgekramt hatte.
Das Rentier wandte den Kopf und schabte mit einer Hufe im tiefen Schnee.
"Schon lange, aber ich wollte deinen Gesundheitsschlaf nicht stören,
Nick!"
Nick machte eine abwehrende Handbewegung. "Papperlapapp! Wie sieht unsere
Versorgungsstrategie in diesem Jahr aus?"
Das Rentier legte seinen Kopf schief und schien damit ein menschliches
Achselzucken nachahmen zu wollen.
"Ich dachte, du hättest die Pläne dafür entworfen."
"Pläne, hm!" machte Nick und klopfte die Taschen seines Mantels ab.
"Ja, wo hab' ich nur diese verfluchten Zettel."
"Die kannst du später noch suchen, wir müssen los."
"Na schön", knurrte Nick naserümpfend.
Mühselig kämpfte er sich die beiden Stufen an der Seite des großen Schlittens
hoch und ließ sich schwerfällig in den Sitz fallen.
"Du solltest abnehmen", empfahl das Rentier.
"Ach was!" fauchte Nick zurück und hielt sich mit beiden Händen das,
was er als Bauch bezeichnete, worüber aber andere Leute als Tonne lachten.
"Ich habe dieses blöde Slimfast satt. Ich glaube Harry hat gelogen,
es hilft halt nichts."
Das Rentier schnalzte mit der Zunge. "Noch ein paar Gramm, und Er entscheidet
sich für einen neuen Weihnachtsmann. Vielleicht übernimmt dieser Wijnvoord
ja den Job."
Nick schluckte, seine Augen weiteten sich, und er spürte plötzlich einen
dicken Kloß im Hals, den er unmöglich runterschlucken konnte.
"Bitte?" krächzte er auf die Aussage des Rentiers hin. "Ich muß mich
wohl ganz schwer verhört haben. Der kann höchstens die Sendung 'Der
Preis ist heiß' moderieren. Aber zu meinem Beruf gehört wesentlich mehr,
als 'Des wärre Ihrr Preijs gewäsen' zu sagen und Werbung für ein Gewichtsreduzierungsmittel,
das ohnehin nichts bringt, zu machen."
"Nun reg' dich nicht so auf", widersprach das Rentier, und zur Unterstreichung
seiner Worte machte es plötzlich und ohne Vorwarnung einen gewaltigen
Satz nach vorne. Mit spielerischer Leichtigkeit zog es den Schlitten
hinter sich her.
Der Ruck war so gewaltig, daß Nick das Gleichgewicht verlor und rücklings
über den Kutschbock in den Innenraum des Gefährts plumpste. Die Serie
an Flüchen, die er abließ soll an dieser Stelle mit dem Mantel des Schweigens
bedeckt werden. Als Nick sich endlich wieder aufgerafft hatte, befand
sich der Schlitten bereits in der Luft und zog eine große Bahn um eine
riesige, weiße Wolke, die gerade den Mond verdeckte. Es war hier merklich
kälter als unten auf dem Boden, und der eisige Fahrtwind peitschte Nick
heftig und unbarmherzig ins Gesicht. Er wollte den Mund öffnen und weitere
Flüche auf das Rentier ablassen, doch die schneidende Luft schmerzte
derart in seinem Hals, daß er diesen Versuch sofort wieder aufgab.
Nick kämpfte gegen den Wind an und kletterte über die vordere Sitzgruppe
zum Kutschbock zurück. Er brauchte dazu drei Anläufe, ehe er endlich
seinen dicken Bauch über den Rand schieben konnte. Auf der anderen Seite
angekommen stöhnte und schnaufte er vor Anstrengung und wischte sich
den aufkommenden Schweiß von der Stirn. Wortlos ergriff er die Zügel.
Er spielte mit dem Gedanken, sein Rentier ein weiteres Mal für die Unverfrorenheit
zu maßregeln, doch dann ließ er es einfach gewähren.
Nachdem sie die große Wolke umflogen hatten kam der silbrig glänzende
Mond in ihr Blickfeld, darüber die funkelnden Sterne. Der Schlitten
nahm direkten Kurs auf die Mondscheibe und beschleunigte noch weiter.
"Bereithalten für den Sprung durchs Himmelstor!" verkündete Rudolph,
das Rentier.
Irgendwo hatte Nick so einen ähnlichen Satz schon einmal gehört. Er
kratzte sich am Bart. Wenn er nur wüßte, wo?
"He, Nick, eingeschlafen?" fragte Rudolph mit bissigem Unterton in der
Stimme.
Nick schüttelte sich, als würde er aus einem Nickerchen erwachen. Dann
fiel ihm ein, was er zu tun hatte. Wenn er nicht rechtzeitig reagierte,
würden sie das Himmelstor gar nicht passieren, sondern einfach schnurstracks
auf den Mond zufliegen.
Nick ließ die Zügel los und klatschte dreimal so laut in die Hände,
daß das Echo klang wie ein gewaltiger Donner.
"Ho, ho, ho, Weihnachtsmann kehrt heim!" rief er mit tosender Stimme.
Kaum, daß seine Worte verklungen waren, zuckten Blitze aus dem Nichts
über den nächtlichen Himmel, und wo gerade noch die schimmernde Scheibe
des Mondes gewesen war, hing jetzt ein gewaltiges, goldenes Tor mitten
in der Luft. Davor stand ein Mann in einem langen, weißen Gewand. Er
trug einen schwarzen Bart und kurzes, lockiges Haar. Seine Arme hatte
er vor der Brust verschränkt und ein Fuß tapste ungeduldig auf dem Podest
vor dem Tor auf und ab.
"Brrr!" rief Nick, zog die Zügel an sich und brachte den Schlitten zum
Stehen. Er gewahrte den finsteren Blick der Gestalt vor dem Tor, doch
er ließ sich dadurch nicht beirren, denn schließlich war er ja der Weihnachtsmann.
"Ho, ho, ho, ich grüße dich, o Petrus!" sagte Nick zu dem Mann am Tor.
"Nikolaus Weihnachtsmann!" grollte die tiefe Stimme von Petrus. Es war
selten, daß ihn jemand bei seinem vollständigen Namen ansprach, und
wenn, dann nur, um ihm eine Rüge zu erteilen.
"Gibt es da, wo du herkommst keine Kalender und Uhren?"
Nick starrte den Wächter des Himmelstores verdutzt an. "Ich äh, verstehe
nicht ganz. Äh, Rudi, mein Freund, wir haben doch heute den zweiundzwanzigsten
Dezember, oder?"
Rudolph hob den Kopf. "Woher soll ich das wissen, du alter Trottel?
Wer war denn zu faul, um Brennholz zu hacken und hat statt dessen diesen
großen, zwölfteiligen Kalender ins Kaminfeuer geschmissen?"
Nick blieb die Luft weg. Zwölfteiliger Kalender? Und er hatte geglaubt,
es war der Einkaufszettel seiner Großmutter.
Mit zusammengepreßten Lippen blickte er zu Petrus auf und gab kleinlaut
von sich: "Äh, ist also heute nicht...der Zweiundzwanzigste?"
Petrus' Augen verengten sich. Er brauste wutentbrannt auf. "Es ist bereits
Heiligabend! Und wir haben zwölf Uhr Mittag."
"Ah, dann liegen wir ja wenigstens in der Uhrzeit richtig", strahlte
Nick, doch plötzlich wurde ihm bewußt, welchen Tag Petrus genannt hatte.
"Äh, H-H-H-eilig-a-a-abend?"
Petrus nickte. "Das Christkind ist sauer, Er macht einen Heidenaufstand,
die Menschen werden sauer sein... ich frage mich, wie du deine Tour
schaffen willst?"
Nick strich sich mit dem behandschuhten Zeigefinger unter diese Nase.
Dann links und rechts an den Nasenflügeln. Er hatte so etwas schon im
Fernsehen gesehen. Wicki und die starken Männer, oder so etwas in der
Art. Da hatte es immer geklappt. Und auch hier schnipste Nick mit den
Fingern, doch es gab keine glorreiche Idee, die ihm aus seiner Misere
heraushelfen konnte.
"Verdammt!" keuchte der Weihnachtsmann.
"Du sollst nicht fluchen!" schnappte Petrus. "Und jetzt schwing deinen
dicken Bauch erstmal durchs Tor und melde dich beim Boß. Der wird dir
einen ganz gehörigen Abrüffel erteilen!"
Nick zog den Kopf zwischen die Schultern. Heute war ganz gewiß nicht
sein Tag. Betrübt nahm er die Zügel zur Hand, wartete, bis Petrus das
Tor geöffnet hatte und ließ den Schlitten dann langsam in das hinter
der Pforte liegende Reich gleiten.
Mit einem lauten Knall schloß sich hinter ihm das Tor. Der Schlitten
schwebte über gleißendes Weiß und wurde von einer himmlischen Musik
begleitet. Hier und da schwebten Engel, um der Dekoration im Himmel
den letzten weihnachtlichen Schliff zu geben. Sterne glitzerten am Firmament,
viel heller und schöner anzusehen, als von der Erde aus. Links und rechts
neben dem weißen, schnee- und wolkenbedeckten Weg standen riesige Tannen,
voll geschmückt mit flackernden Kerzen und Fackeln, gewaltigen, glänzenden
Kugeln und einem funkelnden, aus purem Licht bestehenden Weihnachtsstern
an der Spitze. Es roch nach frischem Backwerk. Nach Stollen, Kuchen,
Plätzchen, Nüssen, Zimt... doch an diesem Heiligen Abend stieg der sonst
verführerische Duft nur unangenehm in Nicks Nase.
Es paßte ihm gar nicht, daß er nun den Chef aufsuchen mußte, und es
paßte ihm noch weniger, daß er seine eigenen Pflichten vernachläßigt
hatte.
Mit einem Mal hielt Rudolph an, ohne daß Nick ihm eine Aufforderung
hierzu gegeben hätte. Nick schreckte aus seinen trübseligen Gedanken
hoch und blickte verstört um sich, um die Ursache ihre Stopps zu ergründen.
Da erspähte er vor dem Schlitten die kleine Gestalt eines etwa vierzehnjährigen
Mädchens mit roten, lockigen Haaren und einem sommersprossigen Gesicht.
Es trug ein schlichtes, helles Kleidchen, und um seinen Kopf herum,
glänzelte ein sanfter, auraartiger Schein in faszinierenden blauen Farbmustern.
"Oh, oh", machte Nikolaus. "Jetzt haben wir aber die Ka...äh, Backe
am Dampfen."
"Hallo Weihnachtsmann", sagte das Mädchen und winkte heftig.
Ehe Nick etwas dagegen unternehmen konnte, war sie schon längsseits
des Schlittens und schwang sich mit federhafter Leichtigkeit auf den
Bock neben dem Weihnachtsmann.
"Äh, hallo Christkind, lange nicht gesehen, was?"
"Genau ein Jahr, Weihnachtsmann", belehrte das Mädchen.
"Ja, natürlich." Gab Nick zurück. Er erinnerte sich noch gut an die
Zeit vor mehreren Jahren, als das Christkind ausgerissen war und er
keinerlei Unterstützung von Ihm bekommen hatte, um die Geschenke auszuliefern.
Damals war er gezwungen gewesen, anhand der ihm vorliegenden Wunschlisten
systematisch die Kaufhäuser zu plündern, um wenigstens bei einigen Menschen
den Glauben an den Weihnachtsmann und das Heilige Fest aufrecht zu erhalten.
"Hast du dem Junior Chef schon gratuliert?" fragte das Christkind.
"Nein, ich bin leider gerade erst angekommen", gestand Nick. "Ich fürchte,
ich habe den Zweiundzwanzigsten verschwitzt und noch kein einziges Geschenk
an die Menschen ausgeliefert."
"Ach du meine Güte!" keuchte das Christkind. "Dann wird es aber höchste
Eisenbahn."
Plötzlich riß das Mädchen Nick die Zügel aus der Hand und spornte Rudolph
an. "Heya, du alter, müder Klappergaul. Beweg deine Flanken, wir haben
Arbeit."
Rudolph setzte sich widerwillig in Bewegung und rannte so schnell er
konnte durch die himmlischen Gefilde.
Gott, ich mochte sie lieber, bevor sie ausgebuchst ist. Sie war zu lange
bei den Menschen und hat sich allerhand Schlechtigkeit dort angewöhnt,
dachte das Rentier.
Der Schlitten jagte über die weite Ebene und hinterließ einen feurigen
Schweif, der meilenweit zu sehen war. Nach einer geschlagenen Viertelstunde
erreichten sie ein großes Gebäude mit unzähligen Schornsteinen aus den
aromatisch duftender Rauch aufstieg. Nicks Nase kräuselte sich, als
er den Duft von Gebackenem roch, und er spürte, daß er schon seit Tagen
nichts vernünftiges mehr gegessen hatte. Sein Magen knurrte. Normalerweise
wäre genug Zeit für Speis und Trank gewesen, doch da er den richtigen
Tag verschlafen hatte, mußte er sich sputen.
Der Schlitten hielt vor der riesigen Weihnachtsbackstube. Dahinter lag
ein zweites, noch größeres Gebäude - die Geschenkfabrik, wo hunderte
von Engeln in der Adventszeit damit beschäftigt waren, zigtausend verschiedener
Produkte herzustellen, um die Menschen am Heiligen Abend zufriedenzustellen.
Das Christkind sprang vom Kutschbock und zupfte hektisch am Mantelärmel
des Weihnachtsmannes. Nick schaute zu seinem Weggefährten Rudolph, doch
als er von dem Rentier nur einen treudämlichen Blick als Antwort erhielt,
hob er die Schultern und folgte dem aufgeregten Christkind. Sie stapften
durch den wolkenvermischten, himmlischen Schnee zum Eingang der Backstube
und wurden gar von einem Cherub mit flammendem Schwert angehalten.
"Halt, Ausweiskontrolle!" sagte der Engel.
Das Christkind griff in sein Kleid und kramte eine kleine Plastikkarte
im Scheckkartenformat hervor, die es dem Wächter reichte.
"Das Christkind, in Ordnung!" sagte der Cherub. "Und du alter Mann,
kannst du dich auch ausweisen?"
Nick starrte den Engel verwirrt an. "Wie bitte? Ausweisen, also wirklich,
die jugendlichen Engel von heute haben wohl wirklich keinen Respekt
mehr vor Personen hohen Standes. Und was heißt hier überhaupt alter
Mann. Ich werd' dir geben, Bürschchen."
Der Cherub verzog bei dem schnaubenden Wortschwall des Weihnachtsmannes
nicht die geringste Miene, was zeigte, wie ernst es ihm war.
"Tut mir leid, alter Mann. Wenn Sie sich nicht ausweisen können, dann
darf ich Sie nicht ins himmlische Backwerk lassen. Kommen Sie im Januar
wieder, wenn der ganze Kram hier vorüber ist."
"Jetzt reicht's!" brauste Nick auf, und eine steile Falte entstand zwischen
seinen schlohweißen Augenbrauen. "Weißt du Grünschnabel überhaupt, wer
ich bin?"
Der Cherub hielt bei dem Ausfall des Weihnachtsmannes das Schwert etwas
höher, als versuche er sich für einen Angriff zu wappnen. Nick spürte
die Hitze der Flammenklinge, doch er ignorierte sie einfach.
"Nein, alter Mann, weiß ich nicht", antwortete der Cherub auf Nicks
Frage. "Deshalb will ich ja Ihren Ausweis sehen!"
"O Gott!" fauchte Nick.
"Aber, aber", mischte sich das Christkind ein, das wohl jetzt auch bei
dem störrischen Cherub die Geduld verlor. "Siehst du denn nicht, daß
dies der Weihnachtsmann ist?"
"Ach", machte der Cherub. "Das behaupten viele Leute in dieser Zeit.
Man kann schließlich nicht jedem glauben."
Das Mädchen drehte sich zu Nick um und setzte einen unschuldigen Blick
auf.
"Außerdem kommt der Weihnachtsmann schon immer am Zweiundzwanzigsten
in das Backwerk", fuhr der Cherub fort. "Und er war vorgestern bereits
da."
"Er war da?" schnappte Nick. "Völlig ausgeschlossen."
"Onkel Nick?" fragte das Christkind. "Ich glaube, es ist besser, du
zeigst ihm jetzt deinen Ausweis."
"Aber das ist doch lächerlich."
"Ho, ho, ho!" ertönte ein schallender Baß.
Erschrocken über den bekannten Ausruf wandten Nick und das Christkind
sich um. Hinter ihnen war eben ein zweiter Schlitten mit einem Gespann
von gleich sechs Rentieren gelandet. Auf dem Kutschbock saß ein Mann,
der Nikolaus Weihnachtsmann zum Verwechseln ähnlich sah - kein Wunder,
denn er trug den gleichen roten Mantel, die gleichen schwarzen Stiefel,
einen schlohweißen, langen, gelockten Bart und einen leeren Sack auf
dem Rücken. Mit schweren Schritten näherte er sich dem Backwerk.
"Sehen Sie, alter Mann!" rief der Cherub triumphierend. "Das da ist
der Weihnachtsmann, und er kommt, um den Sack mit Geschenken und Lebensmitteln
für seine letzte Tour am Heiligen Abend zu füllen."
"Letzte Tour?" echoten Nick und das Christkind fast gleichzeitig. "Aber
ich habe ja nicht einmal mit der ersten Tour angefangen."
Der Doppelgänger blieb vor ihnen stehen und musterte zuerst das Christkind,
dann Nick. Schließlich wandte er sich dem Mädchen zu und zog eine Braue
hoch.
"Ah, da bist du ja!" sagte er mit einem merkwürdigen Akzent, den Nick
schon irgendwo einmal gehört hatte. "Ich habe dich schon die ganze Zeit
über gesucht!"
Das Christkind machte eine hilflose Geste und sah verstohlen zu Nick
hoch. Der Weihnachtsmann trat einen energischen Schritt auf seinen Doppelgänger
zu.
"Was zum Teufel geht hier vor sich?" knurrte er. "Ich bin Nikolaus Weihnachtsmann,
und es wird niemanden geben, der mir die Schau stiehlt, solange ich
lebe... außer natürlich, wenn Er es befiehlt."
Der Doppelgänger legte den Kopf schief. "Err? Keijne Ahnung guderr Mann,
wovon se reden. Abär mich schickt ein gewissär Herr Thoma, und das ist
meijn Boß."
Viel zu dünn, dachte Nick, als er den Bauch seines Doppelgängers betrachtete.
Und aus dem merkwürdigen Akzent war mittlerweile ein merkwürdig verdächtiger
Akzent geworden. Bevor der Cherub mit seinem Flammenschwert eingreifen
konnte, schritt Nick aus, und ohne auf die warnenden Rufe des Christkinds
zu hören, griff er an die Kapuze und mit der anderen Hand an den Bart
des Doppelgängers und zog ihm beides einfach vom Kopf.
Nick, Rudolph, das Christkind und selbst der Engel staunten nicht schlecht,
als sie den Mann unter der Verkleidung erkannten.
"Das ist Harry Wijnvoord!" ächzte das Christkind. "Ja haben die Privaten
denn jetzt auch schon Weihnachten gekauft?"
"Das wärre Ihrr Preijs gewäsen, Nick!" rief der falsche Weihnachtsmann.
"Auf der Suche nach einem dünneren Bauch für den Weihnachtsmann fiel
die Wahl eindeutig auf mich und auf Slimfast!"
"Neeeeeiiiiiin!" schrie Nick und preßte sich vor Wut die Hände gegen
die Schläfen...
...genau in dieser Haltung wachte er aus dem fürchterlichen
Alptraum auf. Verdammt, so etwas war ihm ja noch nie passiert. Also
wirklich, das war schon eine verrückte Angelegenheit. Einer plötzlichen,
fürchterlichen Ahnung folgend sprang er mit einem Mal auf, warf die
Bettdecke beiseite und hetzte vom Schlafzimmer in die Küche, wo der
riesige, zwölfteilige Kalender hing. Der magische, rote Markierer stand
auf der Zweiundzwanzig.
"Puh! Dann sind wir ja doch noch pünktlich dran!" seufzte der Weihnachtsmann
erleichtert auf und lächelte.
Die Kinder starrten Großvater Maximilian mit großen
Augen an, als er sich zurücklehnte und drei ausgiebige Züge aus seiner
Pfeife genoß.
"Und?" fragte jemand.
"Nichts und", antwortete der alte Mann.
"Ja, aber es muß doch irgendwie weitergehen", räumte ein Mädchen ein.
Maximilian schüttelte den Kopf. "Nein, an dieser Stelle ist die Geschichte
zu Ende. Aber die Zeit wird sie weitererzählen, eines Tages wird man
etwas Neues von Nikolaus Weihnachtsmann, genannt Nick, und seinem Rentier
Rudolph hören. Und vielleicht sehen wir die beiden sogar einmal, wenn
die Menschen wieder den Sinn des Festes verstehen und seine Werte begreifen
lernen."
"Pah!" machte einer der Jungen. "Und die blöde Geschichte soll wahr
sein? Warum sollte der Weihnachtsmann so einen blöden Traum haben, in
dem auch noch der komische Kerl von RTL vorkommt? Du hast uns wieder
hopps genommen, Großvater Maximilian."
"Trotzdem war die Geschichte schön!" sagte jemand anderes.
Als alle Kinder endlich wieder gegangen waren, verbrachte Großvater
Maximilian noch eine geraume Weile in seinem Ohrensessel. Er starrte
gedankenverloren hinaus in die verschneite Wirklichkeit. Natürlich hatten
die Kinder ihm die Geschichte nicht abgekauft, aber was machte es schon?
Er hatte nicht wirklich daran geglaubt, daß sie es tun würden.
Seufzend richtete er sich auf und schlenderte zum Küchenschrank. Es
war Zeit zum Essen. Und während er die Schranktür öffnete schien ein
feines Licht für den Bruchteil einer Sekunde um seinen Kopf aufzuglimmen.
Maximilian zog die Packung Slimfast aus dem Schrank...
E N D E
|