Fantasy von Martin Kay

© 2001

 

Ein Roman des Shendria-Universums

Die junge Keylynn übt einen ehrenwerten Beruf als Leibwächterin aus. Doch gerade während ihrer Abwesenheit fällt ihr Schützling einem heimtückischen Attentat zum Opfer. Keylynn findet den Sterbenden vor und verspricht ihm, seinen Mörder zu finden.
Zusammen mit dem Sohn des Verstorbenen macht sie sich auf eine abenteuerliche Reise durch das Königreich Zibanna, nicht ahnend, dass der Mörder ihr immer um einen Schritt voraus ist. Nach und nach lüftet sie das Geheimnis um seinen Tod und lenkt damit die Aufmerksamkeit der Todesgöttin Iono auf sich.

Leseprobe:

Prolog

Der Schmerz kam erst viel später.
    Purer Unglaube lag in ihrem Blick, als Keylynn die Augen senkte und an sich hinab sah. Bis zum Heft steckte das eigene Schwert in ihrem Bauch, hineingetrieben von einer Macht, die ihr in vielerlei Hinsicht überlegen war.
    Keylynn packte den Griff mit beiden Händen und zog die Klinge langsam aus ihren Eingeweiden, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. In ihren Gedanken herrschte eine unsagbare Leere, als hätte der Einstich des Metalls all das in ihrem Gehirn ausgeschaltet, das mit bewusstem Empfinden zu tun hatte.
    So also fühlt sich das Ende an!
    Der Gedanke kam abrupt und gleichzeitig mit dem schmatzenden Geräusch, mit dem sich die Klinge aus dem Leib löste. Ein Schwall Blut schwappte aus ihrem Bauch. Instinktiv ließ sie das Schwert fallen und hielt sich mit beiden Händen die Wunde zu.
    Jetzt kam der Schmerz!
    Nicht langsam, nicht heimlich und umschmeichelnd, um immer stärker zu werden - nein, er explodierte mit einer gnadenlosen Härte in ihrem Kopf, zwang sie in die Knie und ließ sie aufschreien.
    Der Klang ihrer eigenen Stimme hörte sich merkwürdig verzerrt und gurgelnd an. Sie spuckte Blut, röchelte und kämpfte mit dem Trotz einer Kriegerin gegen die herannahende Bewusstlosigkeit an, aus der sie nie wieder erwachen würde, wenn nicht ein Wunder geschah.
    "Ist dir schon kalt?", fragte die Stimme aus dem Nichts.
    Keylynn blickte nicht auf. Sie fror tatsächlich - just in dem Moment, in dem die Worte sie erreichten, als seien sie die Auslöser für die Kälte gewesen. Ihr Blick war vernebelt, und sie nahm ihr Gegenüber - ihren Mörder! - nunmehr nur noch verschwommen wahr. Was kümmerte ihn die Antwort auf seine Frage? Warum beendete er die Sache nicht?
    "Es ist immer kalt", sagte ihr Mörder so beiläufig, als wolle er sie im Angesicht des Todes zu einem Plausch anregen. "Ich habe es schon oft genug am eigenen Leib erfahren."
    O ja, das konnte sie sich gut vorstellen. Doch die Erkenntnis dazu kam ein wenig zu spät. Vielleicht hätte sie ihren eigenen Tod verhindern können, wenn sie gewusst hätte, welches Spiel er mit ihr gespielt hatte.
    Keylynn kniff die Augen zusammen. Ihr Atem ging schwer, und mit jedem Herzschlag pulsierte ein neuer Schwall Blut zwischen ihren Fingern hervor. Sie machte sich nichts vor - es gab nichts, das die Blutung jetzt noch stoppen oder das Unvermeidbare abwenden konnte.
    Es war nur nicht fair! Doch wann war der Tod je fair gewesen? Er kam immer unverhofft und dann, wenn man ihn am Wenigsten erwartete. Dabei war sie so dicht vor ihrem Ziel gewesen - nur hatte es ihr nichts genutzt, denn ihr Feind hatte nur mit ihr gespielt; die ganze Zeit über.
    Keylynn krümmte sich vor Schmerz. Eine Welle der Übelkeit überkam sie und ließ sie erbrechen. Noch mehr Blut. Sie kippte auf die Seite, zog die Beine zum Bauch an und wand sich auf dem nackten Steinboden des Altarsaals.
    "Schlaf gut", höhnte die Stimme ihres Mörders.
    Sie hörte, wie sich seine Schritte entfernten, dann gänzlich verstummten. Keylynn war allein, lag sterbend auf dem Boden. Sie hoffte inständig, dass es schnell ging, dass die Götter sie zu sich riefen und sie nicht leiden ließen. Sie fragte sich, in welchem Reich der Nachwelt sie erwachen würde. Holte Tulade sie, die Göttin des Krieges? Oder war es ihr eher vergönnt, unter Chimone, der Rachegöttin, zu dienen?
    Immerhin war Rache das Motiv gewesen, das sie in diese Situation gebracht hatte. Rache? Nein, ein Versprechen, aber sie hatte ihren Rachefeldzug daraus gemacht.
    Wider Willen erreichten sie die Erinnerungen der letzten Tage, zogen wie ein Film an ihrem inneren Auge vorbei und führten ihr nochmals zu Bewusstsein, was sie in diese Lage gebracht hatte. Es hatte alles angefangen mit...


Kapitel 1

Ein heimtückischer Mord

...einem Lachen!
    Spielerisch fing Keylynn die rote Frucht auf und fiel in das Lachen Rianas ein. Sie wirbelte das melonengroße Stück um ihr Handgelenk, ließ es kurz hinter ihrem Rücken verschwinden und brachte es in der anderen Hand wieder hervor.
    "Du könntest auch eine gute Köchin abgeben!", rief Riana, trat auf Keylynn zu und nahm ihr die Frucht ab, um sie dann in ihrem Einkaufskorb verschwinden zu lassen.
    "Ich glaube nicht, dass Euch meine Speisen munden würden", erwiderte die junge Frau und strich sich eine Strähne ihres flammend roten Haares aus der Stirn.
    Riana zahlte den Händler, fasste Keylynn an der Hand und zog sie zum nächsten Stand.
    Es war Markt in Nasen. Einmal in der Woche verwandelte sich der Vorplatz des Rathauses in ein kunterbuntes Treiben von Ständen und Händlern, die allerlei Waren aus dem gesamten Königreich feilboten. Keylynn hatte nicht oft den Markt besucht, meist weil sie einfach dazu keine Zeit fand. Und sie war Riana dankbar, dass sie sie mitnahm, wenn sie nicht anderweitig im Haus des Kaufmanns Gorshar gebraucht wurde.
    Nasens Markt war gewiss kleiner als jener in der Hauptstadt Zibanna, der das Königreich seinen Namen verdankte. In Zibanna herrschte immer Markt, aber vielleicht war es gerade deshalb nicht mit einem Ereignis wie in Nasen zu vergleichen, eben weil es ihn hier nur einmal in der Woche gab.
    Keylynn genoss es, sich frei unter den Leuten bewegen zu können, dennoch vergaß sie nicht, auch ihrer Aufgabe nachzugehen. Wie das Schwert an ihrer Hüfte andeutete, war sie Leibwächterin. Eigentlich hieß ihr Schützling Groshar ej Nasen, ein angesehener Kaufmann in der Stadt. Doch da der alte Herr heute beschlossen hatte, einen freien Tag einzulegen, erlaubte er seiner Frau Riana, in Keylynns Begleitung einen Ausflug zum Markt zu unternehmen. Normalerweise war die Dienerschaft für Einkäufe jeglicher Art zuständig.
    "Ist es nicht herrlich?" fragte Riana aufgeregt, als sie auf dem Tisch eines Stoffhändlers die Tuchbahnen ausbreitete.
    Keylynn pflichtete ihr bei. Manchmal musste sich Riana wahrlich wie eine Gefangene im eigenen Haus vorkommen. Groshar war kein wichtiger Mann, aber ein reicher. Zu oft schon hatten ihn Drohbriefe erreicht, die ihn vorsichtig werden ließen. Er verließ nie allein das Haus und hieß auch seine Familie, es nicht zu tun. Zwar unterhielt er genügend Personal für den Haushalt, jedoch nur eine Leibwache, der er voll und ganz vertraute. Riana hatte ihn bereits gedrängt, noch mindestens einen weiteren Krieger einzustellen, damit auch sie und ihr Sohn Djandron sich frei in der Stadt bewegen konnten, doch der egozentrische alte Mann hatte stets abgelehnt.
    Am Geld konnte es nicht liegen. Groshar vermittelte Transporte von Nasen zu den anderen Städten des Köngreichs Zibanna und manchmal sogar darüber hinaus. Riana hatte Keylynn einmal erzählt, dass er gar einen Handelspartner in Shen Ha, der Hauptstadt Shendrias, besaß. Shendria, so nannte sich das Land der Menschen, das unter sich die fünf souveränen Königreiche Zibanna, Telloh, Schamah, L’arsen und Shen Ha vereinte.
    Nein, Geld besaß Groshar sicherlich genug - aber er war von sich so eingenommen, dass er seiner Familie nicht die Freiheiten gönnte. Vielleicht war es auch Besorgnis, aber Keylynn tippte eher darauf, dass er sie wie einen Schatz behüten wollte.
    "Das Blau sieht sehr schön aus", sagte Keylynn auf Rianas fragenden Blick hin.
    Riana hielt sich den Stoff vor die Brust und nickte.
    "Ich nehme davon die ganze Rolle. Ich werde uns ein paar schöne Kleider daraus nähen."
    Nähen! Das einzige, was ihr noch vom Leben blieb. Groshar hatte eine Näherin einstellen wollen, so wie er zuvor bereits eine Köchin und eine Wäscherin in den Dienst genommen hatte, aber Riana hatte sich einmal durchsetzen können. Wenigstens die Näherei stand er ihr zu.
    Trotz der Umstände, unter denen Groshar seine Familie behütete, hatte Keylynn in den letzten zwei Jahren nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, sich eine andere Arbeit zu suchen. Der Kaufmann und seine Familie waren nett - und er zahlte mehr, als andere Leute seines Standes. Vielleicht sogar noch mehr, als der Statthalter. Aber das wusste sie nicht. Sie hatte nie beim Statthalter angeheuert, denn soweit man sagte, nahm er keine Frauen in seine Leibgarde auf. "So langsam sollten wir nach Hause zurückkehren", gab Keylynn zu bedenken, nachdem sie ein halbes Dutzend weiterer Stände abgeklappert hatten. Riana hatte bereits zwei Einkaufskörbe gefüllt, von denen einer in Keylynns Händen lag.
    "Ich will mir noch die Artisten ansehen", sagte Riana.
    Keylynn seufzte. "Groshar wird sich Sorgen machen. Wir sind schon länger weg als sonst."
    Riana schüttelte beharrlich den Kopf. "Nein, er weiß, dass du bei mir bist und mich beschützt. Kein Grund, sich Sorgen zu machen."
    So suchten sie den einzigen Ort des Rathausvorplatzes auf, der nicht von Verkaufsständen belegt war. Eine Menschentraube hatte sich im Karree um eine schillernde Truppe von Artisten versammelt, die vielfältige Kunststücke zum Besten gaben. Ein Jongleur warf unablässig eine unüberschaubare Anzahl an Messern durch die Lüfte, fing sie geschickt auf und brachte sie kreisförmige wieder auf den Weg, während seine Blicke in die Menge gerichtet waren.
    Auf einem Hochseil balancierten zwei hübsche, junge Mädchen, während unter ihnen ein Dompteur mit einem Tiger atemberaubende Dressurarbeiten präsentierte, die den Zuschauern ein beeindrucktes Raunen entlockte.
    Zwei Jungen kamen mit Hüten vorbei und sammelten Almosen. Auch Riana warf ihnen ein Goldstück zu und klatschte aufgeregt in die Hände, als ein Feuerschlucker das Karree betrat. Er blies Flammenwolken in die Luft, löschte brennende Fackeln nur mit seiner Zunge und lief über glühende Kohlen.
    "Wir müssen jetzt wirklich los", erinnerte Keylynn. "Die Sohne steht schon an der Turmspitze."
    Zur Unterstreichung ihrer Worte deutete sie nach oben, und Rianas Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm. Die rotglügende Sonne am Himmel Shendrias hatte sich bereits bis zur Spitze des größten Turmes des Rathauses abgesenkt. Demnach war es schon später Nachmittag, obwohl sie bis Mittag wieder zu Hause sein wollten.
    "Aye", presste Riana zähneknirschend hervor. "Ich wäre gerne noch geblieben."
    Keylynn lächelte ihr verständnisvoll zu. Nach Hause zurückzukehren bedeutete für sie die Rückkehr in ihren goldenen Käfig. Mitleidig sah Keylynn die andere Frau an. Groshar selbst hatte die Fünfzig längst überschritten, sich aber vor vierzehn Jahren die damals siebzehnjährige Riana zur Frau genommen, nachdem er sein ganzes Leben in Enthaltsamkeit verbracht hatte. Riana war damals schwanger gewesen, vermutlich der springende Punkt zu Groshars Entschluss, sie zu heiraten.
    Zwar war Keylynn mit ihren einundzwanzig Jahren wesentlich jünger als Riana, doch die beiden hatten sich auf Anhieb prächtig verstanden.
    "Wir müssen gehen", wiederholte Keylynn, legte eine Hand auf Rianas Schulte und zog sie sanft von dem Rathausvorplatz zurück.
    Sie nahmen nicht den üblichen Weg. Riana bestand darauf, noch bei diesem und jenen Händler vorbeizuschauen. Sie kaufte jedoch nichts, wollte nur Zeit schinden, ehe sie ihr Zuhause, ihr Gefängnis, erneut betrat.
    Eine gute Stunde nach dem Aufbruch vom Markt, erreichten sie das vornehme Viertel Nasens. In den niedrigen Häusern wohnte nur das wohlhabende Volk: erfolgreiche Kaufleute, Heiler und die hohen Offiziere aus Zibannas Armee, die im nahen Fort stationiert waren. Gerüchten zufolge sollte Prinzessin Sali, die Tochter König Daraz von Zibanna, irgendwo in diesem Viertel ein Liebesnest unterhalten. Von Zeit zu Zeit, so hieß es, stahl sie sich aus dem Palast Zibannas, ritt allein im Schutz der Dunkelheit nach Nasen und holte einfache Leute von der Straße in ihr Haus, um sich den Vergnügungen zu ergeben, die ihr im Palast verwehrt wurden.
    Keylynn glaubte nicht daran. Der Königspalast in Zibanna war für die Prinzessin ebenso ein goldener Käfig, wie es das Heim Groshars für Riana und ihren Sohn Djandron sein mochte. Es war ihr vergönnt, allein den Palast zu verlassen, selbst wenn sie es einmal schaffte, danach nie wieder. Dafür würde ihr Vater schon sorgen.
    "Ich werde Groshar bitten, uns öfters solche Ausflüge wie heute unternehmen zu lassen", sagte Riana irgendwann, während sie durch die nur spärlich besiedelten Straßen schlenderten. Hie und da trafen sie auf einen Passanten und grüßten im Vorbeigehen. Die meisten waren zu dieser Zeit noch geschäftlich unterwegs oder hielten sich beim wöchentlichen Ereignis auf dem Markt auf.
    "Das habt Ihr schon einmal versucht", entgegnete Keylynn.
    Riana blieb stehen.
    "Nicht so förmlich, Keylynn. Lassen wir diesen Unsinn von wegen Standesunterschied. Ich sehe in dir keine Dienerin, sondern eher eine Freundin."
    Diese Auskunft überraschte Keylynn nicht. Schon des öfteren hatte Riana versucht, zu der Leibwächterin eine persönlichere Beziehung aufzubauen. Es war nicht so sehr, dass es Keylynn schwer fiel, ihre Gebieterin zu duzen, sondern eher der ungeschriebene Kodex in der Gilde der Leibwächter: lasse dich niemals mit deinem Schützling ein!
    Eine engere Beziehung, gleich welcher Art, konnte tödlich für beide sein, denn die Erfahrung hatte gezeigt, dass Unachtsam- und Sorglosigkeit die Folge eines näheren Kontaktes waren. Der Leibwächter war nicht mehr sachlich genug, verlor die Fähigkeit seiner Umwelt in der gewohnten Schärfe und Vorsicht zu begegnen. Während ihrer Ausbildung in der Gilde hatte Keylynn von Berichten gehört, in denen männliche Leibwächter dem Charme ihrer weiblichen Schützlinge erlegen waren und blind vor Liebe in einen Hinterhalt stolperten, der sowohl dem Beschützer, als auch dem zu Beschützenden das Leben kostete.
    Zwar machte sich Keylynn keine Gedanken darüber, dass sie sich in Groshar oder gar Riana verlieben könne, doch schon eine engere Freundschaft mochte ihre Sinne für die Gefahr beeinträchtigen.
    Sie hatte ihre Ausbildung mit Siebzehn begonnen. Zu dem Zeitpunkt lebten ihre Eltern noch. Ihr Vater, selbst Leibwächter in den Reihen König Daraz’ starb kurz nach Keylynns Eintritt in die Gilde, als er ein Attentat auf die Königsfamilie verhinderte. Schmerzhaft kehrten die Erinnerungen zurück, und Keylynn blinzelte schnell die aufkeimenden Tränen weg, um sich nicht vor Riana die Schwäche einzugestehen.
    "Aye", sagte sie, um sich abzulenken. "Ich werde daran denken."
    "Fein", lächelte Riana. Sie hakte sich bei Keylynn ein und ging weiter. Die Leibwächterin empfand die Berührung eher als unangenehm, hauptsächlich, da sie sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte. Aufmerksam blickte sie sich um, doch die Straßen waren so verlassen wie zuvor.
    Sie gestattete sich, ihren Erinnerungen nachzugeben. Als die Nachricht von ihres Vaters Tod die Mutter daheim in Nasen erreichte, nahm sie sich vor Kummer das Leben, nicht daran denkend, dass sie noch eine Tochter hatte, die sie vielleicht brauchte. Obschon ihre Ausbilder vom Tode der Eltern wussten, verrieten sie Keylynn nichts, um ihr Training nicht zu gefährden oder gar ganz abbrechen zu lassen. Der Schock kam erst, als sie das neunzehnte Lebensjahr vollendete und als ausgebildete Leibwächterin nach Nasen zurückkehrte.
    Ihre Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in die Innenseiten ihrer Handflächen, um die Erinnerungen zu vertreiben. Ihr kleines Heim existierte noch, doch sie verkaufte es. Anfangs ließ sie sich gehen, wohnte in einem Gasthaus und traute sich kaum auf die Straße. Sie drohte im Kummer und Selbstmitleid zu vergehen - wäre da nicht Skye gewesen.
    Skye Niá ej Nasen - ein Jahr jünger als Keylynn - war während der Ausbildung in der Gilde ihre beste Freundin geworden. Sie hatten in jeder freien Minute viel gemeinsam unternommen und beide das Training mit Bravour abgeschlossen. Skye war es gewesen, die sie eines Tages aufsuchte, ihr Trost spendete und ihr die erste Arbeit bei Groshar ej Nasen verschaffte.
    Riana blieb abrupt stehen. Sie ließ den eingehakten Arm los. Keylynn blickte irritiert auf, doch ehe sie eine Frage stellen konnte, folgten ihre Augen dem deutenden Zeigefinger der anderen Frau. Sie verfluchte sich, es nicht selbst als erste bemerkt zu haben, doch als sie es erkannte, waren all ihre Erinnerungen wie fortgeblasen, wichen dem Instinkt einer Jägerin und den antrainierten Reflexen ihrer Ausbildung.
    Die Tür zu Groshars Haus stand offen. Alarmiert steppte Keylynn einen Schritt zur Seite und zog noch im selben Atemzug ihr Schwert. Die Klinge wog schwer in ihrer Hand, doch sie war das Gewicht gewöhnt und balancierte die Waffe zweimal um ihr Handgelenk, um es zu lockern. "Bleibt zurück!" befahl sie, als Riana ansatzweise losstürmen wollte. Nur der scharfe Klang in ihrer Stimme schien die Ehefrau aufzuhalten.
    Keylynn pirschte sich mit vorgehaltener Klinge an den Eingang heran. Ihr Blick wanderte über die Dächer der umstehenden Häuser und hielten Ausschau nach einem Hinterhalt. Alles war ruhig.
    Entschlossen trat sie die Tür gänzlich auf und sprang ins Innere. Im Vorzimmer war es dunkel, und nur das Licht aus dem angrenzenden Wohnraum, half ihren Augen, sich rasch umzugewöhnen. Sie hörte Stimmen, die aufgeregt miteinander redeten.
    Vorsichtig, mit dem Rücken zur Wand, schlich sie weiter und spähte um die Ecke in den Wohnraum. Nacktes Entsetzen betäubte für eine Schrecksekunde ihr Denken und lähmte ihre Bewegungen. Alles geschah plötzlich so schnell, und der Gedanke, zu spät gekommen zu sein, fuhr wie eine glühende Klinge in ihr Bewusstsein.
    Groshar diskutierte mit zwei in Kutten verhüllten Männern. In seinem Blick lag Hektik und Panik zugleich. Nur unweit von den Dreien stand der vierzehnjährige Djandron und beobachtete das Treiben aus großen, leicht geängstigten Augen.
    Lauf fort! dachte Keylynn und umfasste den Griff des Schwertes fester.
    Sie gewahrte aus den Augenwinkeln das kurze Blitzen von Metall. Dann, schneller als ihr Blick folgen konnte, steckte die Klinge eines Dolches in Groshars Brust. Der Mann bäumte sich auf, packte seinen Mörder an der Schulter, doch sein Griff erlahmte, glitt an der Kutte des anderen ab, ehe Groshar gänzlich zu Boden sank.
    "Nein!" schrie Keylynn auf und stürmte los.
    Ihr überraschtes Auftauchen brachte ihr eine, vielleicht zwei wertvolle Sekunden ein, in der sie die Hälfte der Distanz zu ihren Gegnern überwand.
    "Djandron, verschwinde!" rief sie im Lauf, aber der Junge blieb wie angewurzelt stehen und starrte nur fassungslos auf den wie reglos daliegenden Vater.
    Die beiden Kuttenträger wirbelten herum, stoben auseinander und versuchten links und rechts an Keylynn vorbeizukommen. Sie waren scheint’s nicht auf Konfrontation aus, hatten ihren Auftrag erfüllt und versuchten nur, zu überleben. Keylynn entschied sich für den Mann, der zugestochen hatte, sprang in seinen Weg und hieb mit dem Schwert nach ihm.
    Der Unbekannte war erstaunlich schnell. Er ließ sich fallen, hechtete nach vorn und rollte über die Schulter ab - vorbei an Keylynn. Sie hätte ihm nachsetzen, vielleicht von hinten niederstrecken können, doch sie musste erst nach Groshar sehen. Mit einem Satz war sie bei ihm, ließ die Klinge fallen und packte den Griff des Dolches, der noch immer in seiner Brust steckte. Mit einem Ruck riss sie die Waffe heraus und schleuderte sie davon.
    "Djandron! Ruf einen Heiler, schnell!"
    Der Junge rührte sich noch immer nicht, und auch als Riana ins Haus stürzte, war sie nicht ansprechbar. Dennoch machte Keylynn den kümmerlichen Versuch.
    "Riana, wir brauchen Heiltrank!" rief sie.
    Groshars schwache Berührung ließ sie nach unten schauen. In den Augen des Kaufmanns flackerte bereits der Tod. Er hatte nur noch wenige Sekunden, und dann würde ihn auch der stärkste Heiltrank nicht ins Leben zurückrufen können.
    "Es ... ist ... vorbei ..." Seine Stimme war kaum zu hören. Blut rann aus seinen Mundwinkeln, die Augenlider flatterten.
    "Daran dürft Ihr nicht denken, Groshar", erwiderte Keylynn. Wieder fuhr sie Frau und Sohn an, doch den beiden saß der Schock zu tief in den Gliedern. Sie rührten sich einfach nicht.
    Keylynn spürte, wie Groshars Kräfte schwanden, sein Griff schwächer wurde und das Leben aus ihm wich.
    "Versprich ... mir eines", flüsterte er kaum hörbar, und Keylynn beugte sich so tief herab, dass seine spröden, blutverschmierten Lippen ihr Ohr berührten.
    Die Zeit selbst schien die Luft anzuhalten, und als er etliche Momente nichts mehr von sich gab, da befürchtete Keylynn schon, dass er aufgegeben hatte. Doch dann mobilisierte er noch einmal alle ihm verbleibende Kraft und sprach zu ihr. Seine Stimme war nur ein leiser Hauch, wehte an ihrem Ohr vorbei, ohne wirklich gehört zu werden. Später konnte Keylynn nicht sagen, ob er tatsächlich zu ihr gesprochen oder sie sich dies nur eingebildet hatte.
    "Versprich mir," hatte Groshar gesagt, "dass du meinen Mörder findest."
    "Die Mörder", wiederholte sie.
    Groshar deutete ein Kopfschütteln an und korrigierte in einem letzten Atemzug: "Den Mörder ..."
    Dann sackte er zusammen.
   ...